Artur
Sandauer
(14.12.1913
Lemberg - 15.07.1989 Warschau)
Michael
G.L. Koch
Das
Ghetto überleben
Es
ist viel geschrieben worden, aber längst noch nicht alles gesagt
zum Leben und Sterben in Ghettos und Lagern. Artur Sandauer hat
viel zu sagen über Hoffnung und Verzweiflung, Solidarität
und Kollaboration, Freundschaft und Verrat - unter und auch zwischen
Juden und Polen während der Naziokkupation. Und er sagt es
in einem Ton, den man angesichts des Themas selten hört.
Sandauer
überlebte selbst das jüdische Ghetto in der kleinen, damals
polnischen Stadt Sambor, bis er von einer ukrainischen Familie versteckt
wurde. Seine Erfahrungen spiegeln sich in seinen sechs Erzählungen
umfassenden Band Der Tod eines Liberalen.
Kühl aber keineswegs distanziert erzählt Sandauer seine
Geschichten und verzichtet weitgehend auf innere Dialoge, dramatische
und komische Effekte. Ort und Zeit der Handlungen sind ernst, aber
wertende Beschreibung die Ausnahme. Sandauer lässt die Geschichten
einfach los, lässt seine Figuren, einfach betrachten, reden,
handeln.
Da ist zum Beispiel Doktor Kirsche, Vorsitzender des Judenrates,
kunstbeflissen, liberal. Ein Menschenfreund der es nicht fassen
kann, dass der Judenmord beschlossene Sache ist und der glaubt,
glauben will, die Ghettobewohner könnten sich mit Willfährigkeit
und Geld von ihrem Schicksal freikaufen. Hoffnung auf Rettung will
er geben. Und im Zeichen der Hoffung belügt er seine Schützlinge.
Da
ist Henryk Jassym, ein Buchhalter der nichts als für seinen
Beruf gelebt hat, zahlenverliebt, stets korrekt und unbestechlich.
Nun führt er das Sterberegister des Ghettos, so penibel wie
eine Firma. Diese "Kartei des Todes" zu verwalten ist
sein einziger Lebenssinn, und er steckt seine gesamte Energie in
diese Aufgabe.
Da ist der Pole Romek, kein Feind der Juden, kein Freund der Deutschen,
ein Mann, der sich am liebsten aus allem heraushält. Doch die
Allmacht der Besatzer, das virile Charisma dieser Allmacht, beeindruckt
ihn. Daran will er teilhaben und schlägt sich auf die Seite
der Deutschen - um einem Mädchen zu imponieren.
Sandauers Erzählungen sind in sich geschlossene Prosastücke.
Dennoch erscheinen die Protagonisten einer Geschichte auch als Nebenfiguren
in anderen, was den Erzählungsband beinahe zu einem Episodenroman
macht. Ihre Beziehungen untereinander bleiben jedoch flüchtiger
Natur, unter der großen Klammer ihres Lebens (und Sterbens)
im Ghetto. Schnörkellos, direkt ist Sandauers Sprache, vielschichtig
seine Motive, klar konturiert seine Figuren. Gelegentlich fühlt
man sich an später publizierte Werke anderer Autoren erinnert;
das Motiv von Lüge, Hoffnung und Überlebenswillen beispielsweise
lässt an Beckers Jakob der Lügner denken. Aber solche
Gedankenverbindungen bleiben willkürlich. Tatsächlich
wurden Sandauers Erzählungen bereits 1947 veröffentlicht:
In polnischer Sprache. Ihre sehr späte (und sehr gelungene)
Übertragung ins Deutsche mag einerseits am Schattendasein der
polnischen Literatur hierzulande liegen, andererseits dürfte
sie in der Vita des Prosaisten und Literaturwissenschaftlers selbst
begründet sein; als "ewiger Nörgler" und Gegner
des sozialistischen Realismus war Sandauer im Nachkriegspolen umstritten
(und bekam zeitweise Publikationsverbot). Aus seiner Heimat wollte
er dennoch nicht emigrieren, trotz zunehmender antijüdischer
Propaganda und gewalttätiger Ausschreitungen Ende der 60er
Jahre. Er blieb - und seine Arbeit drohte im Ausland beinahe übersehen
zu werden.
Immerhin gibt es nun dieses Buch. Es ist herausragend. Weitersagen!
©
MICHAEL
G.L. KOCH, 1966, lebt in Münster. Er schreibt literarische
und journalistische Beiträge für Zeitungen und Magazine.