Zbigniew Dominiak

* 25.04.1947 - † 5.02.2002

Dorotheenstädtischer Friedhof,
am 1. Februar 1998

Ich besuche Hegels Vorlesungen.
Zwei Stunden ging es um den Unterschied zwischen
Vernunft und Verstand.
Adam Mickiewicz

Ich stehe am Grab
Ein trockenes Sprachmeer tut sich auf
Wie immer wenn der Frühling den Winter vertreiben will Kreist der Geier der Mnemosyne
Und stürzt herab Mit seinem scharfen Schnabel zerreißt er die Luft
Es birst der heilige Kreis der uns vor dem Geheimnis des Schmerzes bewahrt
Die Wunde reißt auf und beginnt erneut zu bluten
Verschwinde
Du Schwarzer Pudel Gehorche dem Wort das dich ruft
Hör auf mich zu umkreisen Wie damals auf Schwabens
Grasaulen Wisse nie bin ich nur hier Unter der Sonne
so fahl dass sie mit Mühe das Preußischblau des Himmels verflüssigt
Und Ihr Gesicht sehe ich ist verschlafen wie das einer Eule am Mittag
Als ob Sie mit Ihren Kumpanen dem Wein frönten bis zum frühen Morgen
Beim alten Jäger in der schäbigen Kneipe "Unter den Linden"
Wo der Student Sand so gern verweilte
Was haben Sie vor
Wonach schnüffeln Sie Was suchen Sie hier Herr von Mickiewicz
Russisch-kaiserlicher Beamter aus Sankt Petersburg
Der so unverständlich fragt ob Zar Nikolaus mit seinem
Gefolge schon beim Schwiegervater eingefallen sei
La Raison à cheval II Ich sah
Er kam zu Pferde auf einer breiten Allee Berlin ist eine großzügige Stadt
Er traf direkt aus Warschau ein Jener neue roi de Pologne
So steif Als hätte er im Traum ein unsichtbares Bajonett geschluckt
Das sich gleichzeitig aus den Händen rissen jene beiden Mächte
Angst und Wahn
Eine wandelnde Leiche Aber Sie wissen Solche leben lange Ach
Russland künftig ein mächtiges Werkzeug ungewiss ob in
Gottes oder Satans Hand
O nein mein lieber Herr Point de rêverie
Aufmerksam las ich das Manuskript das unter vielen
Berichten aus Moskau Hofrat Humboldt von seiner Uralexpedition schickte
Ihre rührselige Romanze die den Verrat verherrlicht und preist
Der Hochmeister Konrad von Wallenrode aus Marienburg
Herr von Mickiewicz Sie sind ein schleierhafter Mann
Sie und Ihre Polacken aus der Provinz Posen umgibt spüre ich ein
Odor provocationis Hm! Ich sag's direkt Es riecht nach Blut
Der Alte Fritz hatte recht Von dieser Erde wo nur Wald und Sand
Heidekraut und Juden gedeihen hebt die Eule der Minerva noch lange nicht ab
Humboldt mag verkünden (So wird unter dem Messer der Empirie
Die ewige Weisheit zum Schweigen gebracht) Ich solle der Täuschung nicht erliegen
Dass man hinter den großen Eulenaugen ein mächtiges
Gehirn orten kann Der Weltgeist hat eine Panzerbrust
Was Nörgelt der alte Hegel
Er ist käuflich geworden O nein Il travaille pour le roi de Prusse
Ich nehme die Begriffe aus wie erlegte Vögel Ja L'ècole allemande
Das kann langweilig sein Ich bestreite es nicht Ich sehe Sie rümpfen die Nase
Wie jemand vor dem sich plötzlich Schützengräben voller Leichen auftun
Sie möchten dieses Pferd sein das den Parademarsch stört
Aber nicht weiß dass es viel leichter fällt den Tod zu besiegen als die Geschichte
Wie mächtig müsste ein Herkules sein der sie erwürgte
Zerträte wie eine Rose aus Rhodos Noch ist die Zeit der
Diktaturen der strengen Lehrmeister nicht reif
Irgendwann werden Sie begreifen
Dass der Weltlauf der Dinge alle Herzensangst überwindet
Denn wie lange kann man währen wenn man sich von Negation ernährt
Und bei Sinnen bleiben
Dieser glücklose Hölderle
Ein Naturfreund Immer gießt er mit seinen Tränen unser
Revolutionsbäumchen in den vier Wänden seines Holzverschlags
Am Neckarufer
Jetzt heißt Eleusis Berlin
Und ist so wirklich dass es nicht unvernünftig sein kann
Ich mäste hier die Sau der Vernunft um sie meiner
Neuen Göttin zu opfern Ihr Name ist nicht Ceres sondern Totalität
Ruhe
Sehr geehrte Herren Verzeihen Sie diese kurze Pause
Ich will meinen Gedanken wiederholen Dass nichts anderes
Als Überdruss am Spiel der unmittelbaren Leidenschaften
In der realen Welt die Philosophie auf die Bahn der Reflexionen lenkte

III, IX 1998

© Zbigniew Dominiak

Deutsche Übersetzung © Urszula Usakowska-Wolff und Manfred Wolff


Krümelchen welches ich wiege

Krümelchen Welches Ich Wiege in meinen sehnigen Händen
In der Erinnerung musst du mich Weit Weit tragen
Hinter den siebten Berg Hinter die Schwelle dieses mörderischen Jahrhunderts
Auf eine ruhige und helle Lichtung des nächsten Jahrhunderts
(Naivität ist die gemeinsame Eigenschaft der Dichter und Kinder)
Also schau mich aufmerksam an und schmiege dein Köpfchen
An meine Brust in der das verängstigte aber stolze Herz schlägt
Er lebte Sagst du Und liebte Ich brauche keine andere Erlösung

VI 1995

© Zbigniew Dominiak

Deutsche Übersetzung © Urszula Usakowska-Wolff und Manfred Wolff


Kafka

der Hungerkünstler
nimmt ab nimmt immer mehr ab
er kennt keinen dünneren Menschen
auf der ganzen Welt
ein einziger Hohn
wie konntest du
schreibt er Felice Bauer
Vertrauen schöpfen zu jemandem
der so dünn ist
wie ich
im Bad sehe ich aus
wie ein Junge aus dem Waisenhaus
kein Gramm Fett
um wohlige Wärme zu erzeugen
um inneres Feuer zu behalten
in einem Boot auf der Moldau
ein Bild wie unmittelbar vor
dem Letzten Gericht
als die Sargdeckel sich bereits aufrichten
doch die Verstorbenen noch unbeweglich liegen
auf dem Totenbett
in Kierling bei Wien
korrigiert er seinen Erzählband
ein dünnes Büchlein
in der polnischen Übersetzung
zwanzig Seiten
Seine Romane sein Tagebuch alle Manuskripte
vermacht er im Testament dem Feuer
in der Früh
am dritten Juni stirbt er
im Sommer wird der Band Vier mit Geschichten veröffentlicht
"Ein Hungerkünstler"
*
hungerst du noch immer
fragt der Hausmeister
ich wollte stets dass ihr meine Fähigkeit zum Hungern bewundert
sagt der Hungerkünstler
ihr sollt sie jedoch nicht bewundern
er könnte überleben
wenn ihm wenigstens ein Gericht
auf dieser Welt schmeckte
mein Leben
dauert eine Nacht
er könnte überleben
hätte er
dieses eine Gericht gefunden
der Hungerkünstler wurde
zusammen mit dem Stroh begraben
in seinen Käfig sperrte man einen jungen Panther ein
das Biest fraß alles auf
es vermisste die fehlende Freiheit nicht
sie steckte vermutlich irgendwo in den Reißzähnen
schreibt Kafka

II 1985

© Zbigniew Dominiak

Deutsche Übersetzung © Urszula Usakowska-Wolff und Manfred Wolff


Zu spät

Niemand ist bereit Und doch gibt es
Dinge die nicht zur rechten Zeit kommen
Die Jugend nach der Kindheit Nach dem längsten Leben
der Tod

II 1987

© Zbigniew Dominiak

Deutsche Übersetzung © Urszula Usakowska-Wolff und Manfred Wolff


Hölderlin

in die dröhnende Furche
zwischen Sprache und Traum
lässt die Welt einen Stein rollen
zerschlägt ihm die Stirn
Sprache träumt die Welt

II 1985

© Zbigniew Dominiak

Deutsche Übersetzung © Urszula Usakowska-Wolff und Manfred Wolff


Caspar David Friedrich

Er kehrt zurück Schlägt die Tür des Ateliers zu Hebt die Hand
Um der augenscheinlichen Welt gerecht zu werden
Die nun unter seinem Blick wie die Leinwand verblasst
Er müht sich sein Auge auf Dreieck Quadrat Rhombus zu begrenzen
Aus der Feder fließen Tropfen schwarzer Tusche wie Linien
Das Bild ist vollendet Er muss nur noch die nebligen Konturen des
Waldes des Meeres und der Berge füllen
(die Schattierungen des Grüns sind unermesslich)
Um die nicht irdische Ordnung der Geometrie vor uns zu verbergen

IV 1988

© Zbigniew Dominiak

Deutsche Übersetzung © Urszula Usakowska-Wolff und Manfred Wolff

hallo

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