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Die polnische Lyrikerin und Künstlerin Erna Rosenstein (1913 - 2004)
"Die Lyriker lassen die Toten nicht sterben," sagte Erna Rosenstein einmal im Gespräch mit dem Warschauer Theatermann Peter Lachmann, als sie die Situation der Poesie in Polen charakterisierte. Und auch in den Gedichten der polnisch-jüdischen Malerin und Lyrikerin spielen die Toten eine zentrale Rolle. In den kleinen Dramen - großes Theater und leises Kammerspiel - lässt sie sich auf einen immer wieder neu gewendeten Dialog mit den Toten ein, die zu ihrer Biographie ebenso gehören wie die Stationen ihres künstlerischen Schaffens. Erst spät ist Erna Rosenstein, die als bildende Künstlerin, Mitglied der I. und II. Krakauer Gruppe, surrealistische Malerin und Objektkünstlerin bekannt wurde, mit ihrer Lyrik an die polnische Öffentlichkeit getreten. Ihr Mann Artur Sandauer, Literaturkritiker der 60er und 70er Jahre, in Polen von ähnlichem Gewicht wie heute in Deutschland Reich-Ranicki, drängte sie. Und so erschienen nach einem mehr als drei Jahre währenden Kampf mit der Zensur unter dem Titel "Die Spur" 1972 ihre ersten Gedichte. Es folgten die Bände "Außerhalb von Sprachgrenzen" 1978, "Alle Pfade" 1979, "Die Zeit" 1986, "Etwas aus dem Archiv" 1993, "Noch etwas aus dem Archiv" 1995 und "Der Fluss fließt" 1998.
Erna Rosenstein: "Das Buch der ewigen Erinnerung", 1995. Fot. © Jacek Kucharczyk Schon die Titel der Gedichtbände weisen auf die Spannungen der Gegenwart und die immer wieder neu aufgenommene Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben. Die biographischen Spuren in ihrer Lyrik sind jedoch keine Schlüssel zum Verständnis der Lyrik Erna Rosensteins. Vielmehr umgekehrt ist die Lyrik Schlüssel zu ihrem Lebenslauf. Am 17. Mai 1913 in Lemberg als Tochter eines k.u.k. österreichischen Richters wächst sie in einer assimilierten jüdischen Familie auf, in der Kunst und Kultur eine zentrale Rolle spielten. 1918 siedelt die Familie in das bürgerliche Krakau um, wo die junge Rosenstein zum ersten Mal bewusst die Armut und Benachteiligung der Industriearbeiter und Arbeitslosen erfährt. Als sich die Gymnasiastin linken Gruppen anschließt, schickt sie der Vater zum Studium nach Wien. Doch der Wunsch, aus ihr eine erfolgreiche Juristin und Mitglied seiner Anwaltskanzlei zu machen, erfüllt sich nicht. In Wien studiert Erna Rosenstein an der Frauenkunstakademie Malerei und schließt sich dem Jungarbeiterbund an, beteiligt sich unter dem Nom de Guerre Irma Neumann am Februaraufstand 1934 und nimmt als Erfahrung mit nach Hause: "lächeln, wenn es gefährlich ist, keine Angst und keine Gefühle zeigen". Das half ihr während der deutschen Besetzung Polens, vor der sie zuerst mit ihrer Familie nach Lemberg flüchtete, und auch später in ihrer Auseinandersetzung mit den Kommunisten.
Erna Rosenstein: "Die Stille brennt", 1996. Fot. © Jacek Kucharczyk Der Anschluss an die I. Krakauer Gruppe, eine Vereinigung avantgardistischer und sozialkritischer Künstler, sowie der Besuch der großen Pariser Surrealistenausstellung 1937 prägten ihr weiteres künstlerisches Schaffen, dessen Frühwerke durch die Kriegsereignisse verloren gingen. Die Zusammenarbeit mit Jonasz Stern, Berta Grünberg, Leopold Lewicki und dem Theater "Cricot" führte Erna Rosenstein an die Moderne und das sozialkritische Element der Kunst heran. Noch vor Kriegsbeginn wurde diese Gruppe aufgelöst, ihre Köpfe in das Internierungslager Bereza Kartuska verschleppt. Im Frühjahr 1942 gelang es Erna Rosenstein, zusammen mit ihren Eltern nach Warschau zu flüchten. Auf der Suche nach einem Versteck wurden ihre Eltern von einem polnischen Banditen in der Nähe von Warschau ermordet, sie selbst überlebte schwer verletzt und verbrachte die letzten Kriegsjahre in der Illegalität. Bereits während der sowjetischen Besatzung Lembergs hatte die begeisterte Kommunistin Rosenstein erste Erfahrungen mit der stalinistischen Kulturpolitik gemacht. "Die Vorträge über sozialistischen Realismus waren schrecklich langweilig. ... Wir hofften jedoch, dass das nur eine kriegsbedingte Übergangszeit ist. Man sollte das nicht zu sehr betonen, um der Sowjetunion nicht zu schaden." Die Erfahrungen mit der Kulturpolitik des kommunistischen Nachkriegspolen belehrten sie eines besseren. Die gleich nach dem Krieg gebildete "Gruppe junger bildender Künstler" um Jonasz Stern, Tadeusz Kantor und natürlich Erna Rosenstein wurde von der Delegiertenversammlung des Polnischen Künstlerverbandes im Juni 1949 in Kattowitz, das damals übrigens Stalinogród hieß, "als Formalisten enttarnt, die durch ihre abstrakte, menschenfeindliche Kunst der antihumanistischen und kosmopolitischen Ideologie des Imperialismus huldigen." Die junge polnische Avantgarde erhielt Ausstellungsverbot, und Erna Rosenstein ist zu Recht stolz darauf, nie Selbstkritik geübt oder ein sozrealistisches Bild gemalt zu haben.
Erna Rosenstein: "Zufluchtsort", 1966. Fot. © BWA Zamosc "Die Begeisterung für die Avantgarde und der mit dem Individualismus und der Freiheit verbundenen Kunstformel ( der 1955 gegründeten II. Krakauer Gruppe) sollten sich als prophetisch erweisen, denn jene Losungen siegten in diesem Teil Europas und durchbrachen den Eisernen Vorhang. Und der Vorposten war in einigen Ateliers, Cafés und im Keller des Krakauer Krzysztofory", urteilt der Kunstkritiker Andrzej Kostolowski. Die antijüdischen Hetzen des Jahres 1968, die zahlreiche polnisch-jüdische Intellektuelle aus ihren Stellungen und in die Emigration trieb ( mehr als 15000 verließen damals Polen), trafen auch Erna Rosenstein persönlich, und sie schrieb ihre Betroffenheit nieder in Gedichten, in denen sie ihre Verzweiflung und Trauer, aber auch ihren Spott und ihre Verachtung fasste. Der Mut, unbequeme Wahrheiten auszusprechen, gegen den Strich zu handeln und sich nicht einschüchtern zu lassen, hat Erna Rosenstein Zeit ihres Lebens nicht verlassen, ein Mut, den in dieser Form nur eine Frau aufbringen kann.
Erna Rosenstein: "Das Buch der ewigen Erinnerung", 1995. Fot. © Jacek Kucharczyk Wie
im Leben hat sich Erna Rosenstein nicht in ihrer Kunst festlegen lassen.
Nichts ist so, wie es zu sein scheint. Aus Bruchstücken, Zerbrochenem,
Weggeworfenem zaubert sie kleine Ikonen des Alltags. Ihre Bilder und Buchobjekte
sind innere, intime Landschaften, die die Veränderlichkeit der psychischen
Zustände erfassen und festhalten. Man hat versucht, sie als surrealistisch,
metaphorisch, symbolistisch, abstrakt zu etikettieren. Erna Rosenstein:
"Die Kunst ist die Erforschung der Geheimnisse der Welt; wie kann
man sie also zu Ende führen? ...Wenn es in der Wirklichkeit etwas
gibt, dann muss ich das auch in mir haben, also warum soll ich mich festlegen,
definieren? Dort, im Innern, ist eine gänzliche Vermischung der Zeit
und des Raumes, ein Tumult und ein Chaos."
1996 erhielt Erna Rosenstein den bedeutendsten polnischen Jan-Cybis-Kunstpreis. Mit der in demselben Jahr im Gollenstein Verlag erschienen Auswahl ihrer Lyrik (155 Gedichte) wurde Erna Rosenstein erstmals dem deutschsprachigen Publikum vorgestellt. Mit diesem Buch begegnete der Leser einem bislang weitgehend unbekannten Ausschnitt der polnischen Literatur des 20. Jahrhundertsund entdeckte eine Dichterin, die aus Mosaiksteinchen ihrer Erinnerungen und Erlebnisse ein poetisches Universum baute, in dem sich, auf den ersten Blick unbemerkt, ihre eigene Tragödie mit dem Schicksal des jüdischen Volkes, mit der Tragik des menschlichen Daseins verbindet. Es sind Gespräche mit den Toten, in denen der Schrei ihrer ermordeten Mutter anklagt. Ihr 1988 verstorbener Mann legt ihr auch manchmal Worte in den Mund. "Für mich verbindet sich der Tod mit der Geburt, sagt Erna Rosenstein. Der Mensch wird nach dem Tod neu geboren, denn erst dann beginnt sein Bild zu entstehen. Erst dann beginnen wir den Menschen zu verstehen, es ist so, als ob er uns das sagen wollte, was er zu seinen Lebzeiten nicht konnte." Erna
Rosenstein starb am 10. November 2004 im Alter von 91 Jahren in Warschau
und wurde auf dem Powazki-Friedhof neben ihrem Mann Artur Sandauer bestattet.
Erna Rosenstein: "Schweigen", 1993. Fot. © Jacek Kucharczyk Text © Urszula Usakowska-Wolff und Manfred Wolff |