|
Jan
Goczoł
Eine Fußnote
zum Ganzen
Meine
Zeit, das ist
eine gekälkte Wand in der Todeszelle.
Auf der Wand Schriftzeichenspuren
heimlich geritzt. Vielleicht
besagen sie etwas ganz anderes
als der Urteilsspruch. Vielleicht
besagen sie alles.
1998
©
Jan Goczoł: "Zapisy śladowe"
(Schriftzeichenspuren)
Herausgeber "Śląsk", Wydawnictwo Naukowe. Katowice.
1999.
Deutsche Übersetzung © Urszula
Usakowska-Wolff und Manfred
Wolff

XXX
(Das Maß meiner Identität)
Das
Maß meiner Identität:
die Zelle des Personalausweises.
Durch die Gitterstäbe blicken elf Ziffern,
die den Staatswächtern
genügend sagen.
1994
©
Jan Goczoł:"Zapisy śladowe" (Schriftzeichenspuren)
Herausgeber "Śląsk", Wydawnictwo Naukowe. Katowice.
1999.
Deutsche Übersetzung ©
Urszula Usakowska-Wolff und
Manfred
Wolff
In
der Haut, vor dem Spiegel
Die erste Haut riss dir der Schrei
der Mutter ab
getroffen von einer Nachricht aus einem fernen Land.
Die zweite riss von dir die Stadt ab
als du dich dreist in die Mitte des Marktes stelltest.
Über die dritte Haut machten sich Behörden
verschiedener Gremien und Ideologien her.
Die vierte Haut fiel leblos von dir ab
an einer Straßenkreuzung, wo du vergeblich wartetest.
In der fünften Haut stehst du am Morgen vor dem Spiegel.
Aus dem Spiegel blickt jemand, der keine Fragen stellt.
1988
©
Jan Goczoł:"Zapisy śladowe" (Schriftzeichenspuren)
Herausgeber "Śląsk", Wydawnictwo Naukowe. Katowice.
1999.
Deutsche Übersetzung © Urszula Usakowska-Wolff und
Manfred
Wolff

In den toten
Winkeln
Lass
dich nicht täuschen von diesen Kostümen, aber
gib auch nicht preis, dass du die Klingen siehst, die sich
in den Falten der ehrwürdigen Toga verbergen: diese sich
mehrenden Catos in den toten Winkeln des öffentlichen Lebens
werden zu Messerstechern: mit einem ausgerissenen Zitat,
mit einer Andeutung oder Verleumdung schneiden sie tief ins Fleisch,
das anschwellende Heulen des Hasses kaum unterdrückend.
Oh, ja! Ihr Hass kommt auf sanften Pfoten daher,
zwinkert mit den Augen. Als ob ein hungriger
Jaguar im Salon streifte.
1988
©
Jan Goczoł:"Zapisy śladowe" (Schriftzeichenspuren)
Herausgeber "Śląsk", Wydawnictwo Naukowe. Katowice.
1999.
Deutsche Übersetzung © Urszula Usakowska-Wolff
und Manfred
Wolff

Die
Zeit der Piranhas
Die schwüle Luft von undurchdringlicher,
modernder
Geschwätzigkeit durchwuchert.
Das ist die Zeit der Piranhas, dieses Pöbels der trüben Gewässer,
der Vorzimmer der Macht. In dieser Gegend Europas
werden die Fertigkeiten des Schlunds und der Zähne
seit Generationen zur Regel
des Überlebens. Über den seichten Fressgründen
ziehen irgendwelche Vögel schweigend vorbei, als ob
auch sie das Klima der Stimme beraubte.
1991
©
Jan Goczoł:"Zapisy śladowe" (Schriftzeichenspuren)
Herausgeber "Śląsk", Wydawnictwo Naukowe. Katowice.
1999.
Deutsche Übersetzung © Urszula Usakowska-Wolff und
Manfred
Wolff
Spuren
ohne Ende
Die Herde meiner ungeschriebenen
Gedichte
läuft stumm und hungrig
an den Ufern der Nacht. Am Lauf der oberen Oder
führen die Spuren umher ohne Ende.
Die gesuchten Worte drückten sich an die Erde,
entledigten sich ihres Geruchs, aller Eigenschaften.
Sogar ihre Steckbriefe kann niemand glaubwürdig
liefern.
1996
©
Jan Goczoł:"Zapisy śladowe" (Schriftzeichenspuren)
Herausgeber "Śląsk", Wydawnictwo Naukowe. Katowice.
1999.
Deutsche Übersetzung © Urszula Usakowska-Wolff
und Manfred
Wolff

Mein
Schlesien
Mein Schlesien ist die abgewandte
Seite des Mondes.
Seine Wahrheit bleibt im Schatten, nicht erkennbar
für die von seinem fremden Licht Verblendeten,
die so lügen, dass sich die Balken biegen.
Mein Schlesien ist die dunkle Seite des Mondes.
Niemand, der Gottes Gnade, der ein Krümel der Macht erhofft,
wird es wagen, dorthin zu blicken.
1991
©
Jan Goczoł:"Zapisy śladowe" (Schriftzeichenspuren)
Herausgeber "Śląsk", Wydawnictwo Naukowe. Katowice.
1999
Deutsche Übersetzung © Urszula Usakowska-Wolff und
Manfred
Wolff
Schlesisches
Motiv
Die Friedhöfe unserer Dörfer
geschieden zwischen dem Sichtbaren und Begrabenen,
zwischen dem Gegenwärtigen und Vergangenen.
Von wem sprechen diese Grabsteine, wenn sie nicht
von denen sprechen, die wir hier begruben? Wovon
wollen sie überzeugen mit schiefen Lippen,
mit falschen Stimmen der Lebenden?
Ich blicke unter die Deckel der Särge - die Verstorbenen liegen
mit den Gesichtern nach unten, als ob sie
viele Jahre nach dem Tode stürzten. Sie wollen nicht sehen
oder nicht hören, was man von ihnen schreibt und spricht,
heute?
1994
©
Jan Goczoł:"Zapisy śladowe" (Schriftzeichenspuren)
Herausgeber "Śląsk", Wydawnictwo Naukowe. Katowice.
1999.
Deutsche Übersetzung © Urszula Usakowska-Wolff
und Manfred
Wolff

Der
alte Schlesier schreitet
Ich hörte Schritte. Sie rissen mich
aus dem Schlaf
mitten in der Nacht. Ich erkannte sie deutlich
vom ersten Schritt an. Der alte Schlesier schritt
durch seine Behausung.
Von einem Platz zum anderen schritt er auswendig. Seit vielen,
vielleicht schon seit hundert Jahren, schreitet er so. Jahr für
Jahr
gibt es immer mehr aufzuräumen und zu kehren
nach diesen Schleimlippigen.
Dass der liebe Gott so geduldig ist, denkt er,
er sieht ja, was sie hier säen. Wer wenn nicht er
kennt genauer diese Gegend?
Bis zum frühen Morgen hörte man,
wie er schritt. Die Zeugen täuschen jedoch vor,
nichts gehört zu haben. Sie sagen, wer sollte schon
dort aus dem Jenseits schreiten? Irgendwelche Spuren
würde er doch zurücklassen.
1998
©
Jan Goczoł:"Zapisy śladowe" (Schriftzeichenspuren)
Herausgeber "Śląsk", Wydawnictwo Naukowe. Katowice.
1999.
Deutsche Übersetzung © Urszula Usakowska-Wolff
und Manfred
Wolff
Janina
Ptak reist an den Rhein
Es macht nichts, die Bus-Fessel fünfzehn
Stunden
einer Winternacht. Es macht nichts, die Pass-Beichte
vor der Möglichkeit, das eigene Kind zu sehen.
Aber diese vertraute Sprache, Wort für Wort
aufgeschichtet aus anderem Gestein, Tag für Tag
in fünfzig Jahren, jetzt plötzlich am Hals
wie ein Mühlstein.
1997
©
Jan Goczoł:"Zapisy śladowe" (Schriftzeichenspuren)
Herausgeber "Śląsk", Wydawnictwo Naukowe. Katowice.
1999.
Deutsche Übersetzung © Urszula Usakowska-Wolff
und Manfred
Wolff

Deine Lippen,
deine Lider
Stehst
du noch hier, Jan Nepomuk? Noch
merkten sie nicht, dies sei ein Platz, den man
für andere Verdienste verleihen kann? Dein Name,
kein hiesiger, sogar ein fremder, hat noch keinen Verdacht,
keine finsteren Anklagen über einen fremdstämmigen Glauben ausgelöst?
Noch haben sie nicht dir den Sockel unter den Füßen weggerissen,
noch
haben sie nicht dein steinernes Schweigen mit Hämmern zerschlagen?
Niemand hat noch geschworen, dass seit einiger Zeit
deine Lippen und Lider sichtbar zittern?
1992
©
Jan Goczoł:"Zapisy śladowe" (Schriftzeichenspuren)
Herausgeber "Śląsk", Wydawnictwo Naukowe. Katowice.
1999.
Deutsche Übersetzung © Urszula Usakowska-Wolff
und Manfred
Wolff
Illustrationen © Marcelina Grabowska-Piątek.
Alle Rechte vorbehalten.
Jan
Goczoł

stammt
aus einer alten schlesischen Familie, die im Dorf Rozmierz in der
Nähe von Oppeln lebte. Er wurde am 13. Mai 1934 in Rozmierz geboren.
Dieser Teil Schlesiens wurde erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs
polnisches Staatsgebiet, sodass Jan Goczoł, der schlesische
Mundart sprach, erst im Mai 1945 - in der vierten Grundschulklasse
- die polnische Sprache lernte. Sein Vater, der wegen eines Fussleidens
vor der Wehrmacht verschont wurde, wurde Ende des Zweiten Weltkriegs
in die UdSSR verschleppt und starb in Georgien an Typhus, sodass
Jan - der Älteste unter seine fünf Geschwistern - der Mutter bei
der Arbeit in der elterlichen Landwirtschaft half. Nach der Beendigung
der Grundschule im Jahre 1949 begann er, als erster in seinem Dorf,
eine Ausbildung am Handelsgymnasium in Strzelce Opolskie. 1953 machte
er dort sein Abitur und wollte an der Warschauer Universität Journalistik
studieren. Die elterliche Bauernstelle - 6 Hektar - wurde jedoch
als Großgrundbesitz eingestuft und man verwehrte ihm das Studium.
Er arbeitete als Buchhalter in verschiedenen Staatsgütern, als Bahnarbeiter
und schließlich als Lagerleiter in einer Schuhfabrik. 1960 heiratete
er Małgorzata Witoń, mit der er zwei Töchter hat 1962
begann er sein Polonistikstudium an der Pädagogischen Fachhochschule
in Oppeln. In dieser Zeit veröffentlichte er seine ersten Gedichte
und war Kolumnist der Tageszeitung "Trybuna Opolska" in
Oppeln. Von 1965-1970 arbeitete er in der Zeitschrift "Poglądy"
("Ansichten") in Kattowitz. Er gründete die Monatsschrift
"Opole" (Oppeln) und war seit 1975 ihr Chefredakteur.
Seit 1962 ist er Mitglied des Polnischen Schriftstellerverbandes.
Gegenwärtig arbeitet er mit dem Schlesischen Institut in Oppeln
zusammen.
Veröffentlichungen
(u.a.)
-
"Topografia intymna" (Intime Topographie). Gedichte. Verlag
Śląsk. Katowice.
1961.
- "Małgorzata", Gedichte. Bibliophile
Serie des Polnischen Rundfunks in Opole. 1961.
- "Sprzed drzwi" (Vor der Tür). Gedichte, Verlag Śląsk.
Katowice. 1969.
- "Manuskrypt" (Manuskript). Gedichte. Verlag Ludowa Spółdzielnia
Wydawnicza, Warszawa. 1974.
- "Poezje wybrane."(Ausgewählte Gedichte). Verlag
Ludowa Spółdzielnia Wydawnicza, Warszawa. 1985.
- "Zapisy śladowe" (Schriftzeichenspuren). Gedichte.
Herausgeber "Śląsk", Wydawnictwo Naukowe. Katowice.
1999.
- "Na brzozowej korze. Wybór pierwszy." (Auf Birkenrinde.
Erste Auswahl). Lyrische
Prosa. Verlag
Miejska Oficyna Wydawnicza, Opole. 2000.
- "Oberschlesiche Dialoge. Kulturräume im Blickfeld von Wissenschaft
und Literatur." Hrsg. Von Bernd Witte. Peter Lang Verlag. Frankfurt/Main.
2000. S. 259-260; 278-292.
Seine Gedichte erschienen ferner in Anthologien und Literaturzeitschriften
in Bulgarien, der ČSSR, DDR, Jugoslawien, den USA, der UdSSR
und in der BRD.
Preise
und Auszeichnungen (u.a.)
1963
- I. Preis im Lyrikwettbewerb "Rote Rose" in Gdańsk
(Danzig).
1974 - Stanisław-Piętak-Preis, Warschau.
2001 - Preis der Gesellschaft der Freunde Schlesiens in Warschau,
den er zusammen mit dem Pianisten Piotr Paleczny erhielt.
© Urszula Usakowska-Wolff
.
Alle Rechte vorbehalten.
|