Der Dichter Jan Goczoł und seine Reise
in die (un)gewisse Mitte der Welt

Jan Goczol

Es gibt sie wirklich - Menschen, die ihre Gegend nie dauerhaft verlassen haben, die in der Nähe ihres Geburtsortes ihr Leben verbringen, die ihre Heimat nicht nur im Herzen und in der Erinnerung tragen, sondern sie Tag für Tag empirisch und haptisch erfahren und dadurch zu authentischen und unmittelbaren Chronisten ihrer Heimat werden. Zu solchen Menschen, von denen es im zwanzigsten Jahrhundert, gekennzeichnet durch riesige Migrationsbewegungen als Folge der Armut und kriegsbedingte Flüchtlingsströme als Folge der geo-politischen Grenzverschiebungen, nicht allzu viele gab, gehört Jan Goczoł, der Dichter aus dem Oppelner Land, der in seinen lyrischen Momentaufnahmen von der Reise durch die kleine, heimatliche Welt, mit fotografischem Gespür den Spuren der Vergangenheit nachgeht und versucht, sie kenntlich zu machen, sie offen zu legen und sie für die Gegenwart festzuhalten, um sie vor dem Gedächtnisschwund der großen Welt zu bewahren.

Urszula Usakowska-Wolff

Diese "große Welt", ein abstrakter Begriff, setzt sich aus vielen "kleinen Welten" zusammen, die ein Refugium vor der bedrohlich um sich greifenden "globalisierten", alles nivellierenden und gleichschaltenden Welt sind, die im Informations- und Wertechaos versinkt und den Menschen ihre mentale und regionale Identität raubt. Die kleine Welt, in die Jan Goczoł vor der großen flüchtet und in der er Halt und Trost sucht und wohl manchmal auch findet, ist sein schlesisches Haus, wo er die weise schweigende Vergangenheit fühlt und mit dem er heimliche Gespräche führt, wo er aus dem Fenster blickend sich vorstellen kann, was sich hinter dem nächsten Horizont verbirgt, nämlich die leise klingende Landschaft der Dörfer Rozmierz, Siołkowice, Biadacz, Tuły, Brynica, Łubiany, Dąbrówka Łubiańska, Malnia, Kosorowice, Tarnów, Gosławice und seines Wohnortes, der Oppelner Vorstadt Półwieś (Halbdorf), also seiner konkreteren, näheren, häuslichen Heimat, die er in seinem letzten, Ende des vorigen Jahres erschienenen lyrischen Prosaband Na brzozowej korze (Auf Birkenrinde, Opole 2000) einfühlsam und liebevoll beschreibt, ohne in Rührseligkeit und Heimattümelei zu verfallen. In dieser häuslichen Heimat fühlt er sich sicher und geborgen, wie hinter des Herrgotts Ofen. Seine Heimat, das ist vor allem die Natur, die rauschenden Wälder und Bäche, die blühenden Rapsfelder und Wiesen, die Sträuche und Obstbäume in seinem Garten, die Spinnen und Libellen, Vögel, Eichhörnchen und ein Fischotter, dem er im Winter heimlich Forellen bringt und mit dem ihn eine stumme Freundschaft verbindet. Die Natur ist für denjenigen, der ihrer wortlosen Sprache mächtig ist, auf Anhieb verständlich. Sie ist für den Dichter eine Zuflucht vor dem sich überall verbreitenden Lärm der leeren Worte seiner Zeitgenossen. Die Gespräche, die er mit der heimatlichen Natur, mit seinen Nächsten und Freunden, also mit einem Kreis außerhalb der leeren Worte führt, vermitteln ihm das Gefühl über das ganze Universum zu sprechen, also über die Mitte der Welt, die wir Schlesien nennen. Unser Schlesien. Dort empfindet er manchmal Momente des vollkommenen Glücks, in denen seine entlegenste Vergangenheit, alle Erlebnisse und Erinnerungen wieder lebendig werden, sie umhüllen mich und verbinden sich so innig, dass ich sie nicht mehr trennen kann und ich nicht weiß, ob ich das Zeitgefühl völlig verloren habe oder ob die Ewigkeit sich für eine Weile vor mir öffnete. Solche Augenblicke - einige Stunden der echten Freiheit für das Herz und die diffusen Gedanken - spenden ihm Trost und geben ihm Halt, um in der Welt zu bestehen, die man aus dem Fenster seines Hauses auch immer öfter sehen kann: glatte und dreckige Schlingen der Strassen und Gassen, die uns - Erniedrigte - zu den täglichen atemlosen Terminen, Routinehandlungen und ziellosen Zielen schleppen.

Wunden in der Landschaft

Solche befreienden Augenblicke werden jedoch immer seltener, denn auch in der Mitte der Goczołschen Welt, die er Schlesien nennt, ist die Zeit nicht stehen geblieben. Den glatten und dreckigen Schlingen der Strassen und Gassen, den neuen städtischen und dörflichen Wohnbaugebieten, aber auch den Naturkatastrophen sowie dem ewigen Lauf des Irdischen, der besagt, das alles vergeht, ist das private Paradies des Dichters zum Opfer gefallen, vom Hochwasser des Sommers 1997 zerstört. Die heutigen Bewohner Schlesiens mühen sich mehr oder weniger ziellos und atemlos, der neuen Wirklichkeit Herr zu werden und sind vor allem damit beschäftigt, im wirtschaftlichen Kampf ums Überleben nicht unterzugehen. Der Dichter beobachtet, dass die Toten auch nicht verschont wurden: Die alten Friedhöfe verkommen, denn die Nachfahren der dort Bestatten waren gezwungen, das Weite zu suchen, genauso wie die neuen Bewohner dieser Gegend, die ebenfalls unfreiwillig ihre alte Heimat räumen mussten, sodass die Gräber ihrer Vorfahren dort dasselbe Schicksal ereilte. Auf der persönlichen Landkarte des Oppelner Landes von Jan Goczoł schneidet die Welt der Säge tiefe und nie wieder heilende Wunden ein, und ihr Geräusch übertönt seine leise klingende Landschaft. Vor dieser Säge konnten schattige Linden und mächtige Eichen nicht bestehen, sie vollstreckte auch das Todesurteil über die riesige Birke, die - wie ein Kult-oder Wappenbaum, seit eh und scheinbar für immer über dem Dorf Siołkowice thronte und thronen sollte. Da ist es schon ein kleiner Trost, dass die Birken seiner Kindheit, die die Straße von Strzelce Opolskie nach Oppeln säumten, von einem Sturm vernichtet wurden und der schönste Baum in Oppeln, die uralte Platane auf dem Plac Wolności, dem Freiheitsplatz, sich die Freiheit nahm, eines natürlichen Todes zu sterben, genauso wie der Birnbaum vor dem Haus seiner Eltern in Rozmierz. Die Vernichtung und Veränderung scheinen also wesentliche Merkmale der realen Welt zu sein, die sich unveränderlich erneuert und immer neu entsteht. Ein Sinnbild dieser unveränderlichen Erneuerung, also des Bestehens allen naturgewaltigen und zivilisatorischen Widrigkeiten zum Trotz, ist das Vergissmeinnicht, das seit eh und je die Straßengräben des Dorfes Rozmierz bewächst.

Land des Schweigens

Rozmierz, gut dreißig Kilometer von Oppeln entfernt, ist der Geburtsort des Dichters Jan Goczoł, den er mit folgenden Worten beschreibt:

Mein Dorf Rozmierz ist eine siebenhundertjährige Schildkröte.
Jahr für Jahr, Schritt für Schritt konnte sie ihre Haut retten
vor den Herren, Schulzen und Pfarrern

Erste Strophe des Gedichts Mein Dorf, eine Schildkröte. Aus dem Band Poezje wybrane (Ausgewählte Gedichte). Warszawa. 1985. S. 135.

Dort kam er am 13. Mai 1934 zur Welt. Seine Familie lebte in diesem Dorf seit geraumer Zeit, vielleicht von Anfang an: mein Vater, mein Großvater, mein Urgroßvater - und vielleicht weiter in die Tiefe der Familiengeschichte - waren in diesem Dorf geborene Zimmerleute. Die Säge, der Hobel, das Beil (...) tauchten seit den jüngsten Jahren vor mir als Stammeswerkzeuge auf, die den Männern unserer Familie Ruhm und Achtung brachten. Ich sah meinen Vater während seiner Arbeit - konzentriert und andächtig, Worte leise an sich flüsternd, im Innern erhellt (...). Ich sah das Entsehen des Hauses. Wir waren gleichzeitig Bauern - in beseelender Einigkeit mit dem übermächtigen Rhythmus der Tages und Jahreszeiten, bekennt Jan Goczoł in seinem Wort des Dichters (Oberschlesische Dialoge. Kulturräume im Blickfeld von Wissenschaft und Literatur. Peter Lang Verlag. Frankfurt am Main. 2000. S. 287-292). Es war eine archaische und patriarchalische Welt, in der die Frauen nur dann auftauchen, wenn der spätere Dichter seiner Mutter einige Gedichte und lyrische Texte widmet. Die Männer der Familie Goczoł bauten, sie verfügten also über das Bewusstsein der Substanz und ihres Widerstands, über das Bewusstsein des Verfahrens, mit welchem man diesen Widerstand beherrscht und bewältigt. Ihr Handwerk bestand darin, den Widerstand der Substanz, also der Materie zu brechen und sie in eine neue, nützliche Form zu zwingen. Das Handwerk sicherte ihren Familien den Unterhalt. Da sie zugleich auch, wie auf dem Dorf so üblich, Bauern waren, bauten sie an, was ihrer Selbstversorgung diente. Ihr Leben war mit der "konstruierten" und "natürlichen "Arbeit, bei der sie wenige Worte verloren, aufs Engste verbunden von Sonnenaufgang bis zum Aufgang der Sterne. Sie und ihre Natur waren schweigsam, so wie sie Jan Goczoł in seinem Gedicht Auf den Oppelner Feldern (1987) beschreibt:

Die gepflügte Erde schweigt.
Der sprießende Roggen schweigt.
Der Bauer über dem Roggen schweigt.
Der Himmel über ihnen schweigt
im Einverständnis.

Aus dem Band Zapisy śladowe (Schriftzeichenspuren). Katowice. 1999. S.11.

Beschnittene Zungen

Wenn die Bewohner von Rozmierz sprachen, benutzten sie Worte, mit denen sie ihr Leben, ihre Gefühle und ihre Umwelt schilderten; sie deckten sich mit den Objekten ihrer Schilderung, sie waren konkret und so total, dass sie keinen Zusatz oder Kommentar duldeten. Die Worte, mit denen man (...) über diese Wirklichkeit informierte, auch: mit denen man sie mystifizierte, dämonisierte oder verherrlichte, waren nicht in Frage zu stellen; sie sprachen von einer wirklichen Wirklichkeit, in der die Folgen immer nach den Ursachen stehen. Die Worte, in denen sie ihre Welt ausdrückten, entstammen der schlesischen Mundart, die Jan Goczoł in seinem Gedicht Der alte Schlesier spricht so schildert:

Unsere Mundart ist dunkel und hart
wie Holz, das lange im Wasser lag.

In unserer Mundart sprechen wir undeutlich
und leise, denn unsere Zungen sind beschnitten.

Unsere Mundart versteht der Herrgott und auch
der Tod - wir spüren das abends, vor dem Einschlafen.

Aus dem Band Poezje wybrane (Ausgewählte Gedichte). Warszawa. 1985. S.138

Jan Goczol:  Poezje wybrane (Ausgewählte Gedichte)
Jan Goczol: Zapisy sladowe (Schriftzeichenspuren)
Jan Goczol: Na brzozowej korze (Auf Birkenrinde)

    Atemberaubende Sprache

Mit der polnischen Sprache kam Jan Goczoł zum ersten Mal 1945 in Berührung. Weil Rozmierz in dem Teil Schlesiens lag, das nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs polnisches Staatsgebiet wurde, begann der künftige Dichter die Sprache, in der er seine Dichtung später verfassen wird, erst in der vierten Grundschulklasse zu lernen. Doch die Urgeschichte meines literarischen Selbstbewusstseins begann bereits im Januar 1945 als von Sonntag zu Sonntag in spontanen Kirchengebeten und Kirchengesängen, so deutlich, als ob plötzlich und unerwartet ein unterirdischer Fluss mich überschwemmte, eine ganz andere Sprache erschien - die polnische Sprache. Das war eine erschütternde Betäubung. Die mir bis dahin nur aus häuslich gedämpften Gemurmel und Geräuschen bekannten mundartlichen Worte räsonierten jetzt in Gebets- und Psalmentexten mit einer übermächtigen, pulsierenden Energie. Ich war in dieser Zeit Messdiener - Tag für Tag bestrahlte mich diese Energie mit einem unbekannten, ergreifenden Schauer. Dieses neue Sprachgefühl nahm ihm den Atem, um den er in seiner künftigen Dichtung immer wieder ringen wird. Zumal er schon bald merkte, dass in seiner neuen Welt, die außerhalb seines Heimatdorfes lag, sehr häufig leere Worte in aller Munde waren, also Worte, von denen ihre Bedeutung wie krankes Fleisch vom Knochen wegfällt und wo die Menschen nur noch im Jargon sprachen.
Bis 1949 lebte Jan Goczoł in seinem heimatlichen Rozmierz. Dort wurde er, der Älteste unter seinen fünf Geschwistern, in der elterlichen Landwirtschaft dringend gebraucht, denn sein Vater, der wegen eines Fußleidens vor der Wehrmacht verschont, und - damals eine nicht seltene Grausamkeit der Geschichte - von den Sowjets in die UdSSR verschleppt wurde, starb in Georgien an Typhus. An diese Zeit erinnert Jan Goczoł in der ersten Strophe seines Gedichts In der Haut, vor dem Spiegel (1988) :

Die erste Haut riss von dir der Schrei der Mutter ab
getroffen von einer Nachricht aus
einem fremden Land.

Aus dem Band Zapisy śladowe (Schriftzeichenspuren). Katowice. 1999. S. 17.

Nach der Beendigung der Grundschule im Jahre 1949 begann Jan Goczoł, als erster in seinem Dorf, eine Ausbildung am Handelsgymnasium in Strzelce Opolskie. 1953 machte er dort sein Abitur und wollte an der Warschauer Universität Journalistik studieren. Die elterliche Bauernstelle - 6 Hektar - wurde jedoch als Großgrundbesitz eingestuft und man verwehrte ihm das Studium. Er arbeitete als Buchhalter in verschiedenen Staatsgütern, als Bahnarbeiter und schließlich als Lagerleiter in einer Schuhfabrik. 1960 heiratete er Małgorzata Witoń, mit der er zwei Töchter hat. 1962 begann er sein Polonistikstudium an der Pädagogischen Fachhochschule in Oppeln. In dieser Zeit veröffentlichte er seine ersten Gedichte, war Kolumnist der Tageszeitung "Trybuna Opolska" in Oppeln und wurde Mitglied des Polnischen Schriftstellerverbands. Von 1965-1970 arbeitete er in der Zeitschrift "Poglądy" (Ansichten) in Kattowitz. Er gründete die Monatsschrift "Opole" (Oppeln) und war seit 1975 ihr Chefredakteur.

Gebannte Dämonen

Jan Goczoł war also der Erste in seiner alteingesessenen, ländlichen und der "mündlichen" und "natürlichen" Tradition seit eh und je verbundenen Familie, dem ein Sprung in die Stadt gelang und der es zugleich schaffte, in die obersten Kreise der intellektuellen, die Kultur der Region prägenden Elite aufgenommen zu werden. Was nicht heißt, dass er sich auf Anhieb in einen richtigen "Städter" verwandelte: er, wie seinesgleichen, Auswanderer aus einem Dorf, nicht mehr Bauer, noch nicht Stadtmensch. Im Vermächtnis fiel mir die Stadt zu (...). Jeden Tag aufs Neue ging ich hinaus in diese unfruchtbare, allen Bäumen und Vögeln und allem, was singt, feindselige Brache. Unser Sprung in die Stadt gelang nicht. Die Stadt wurde zum Ort unserer beispiellosen Niederlage. Er empfand sich als ein "Zwischenmensch": Leugner und Neubekehrter zugleich, der sich zwischen der ehemaligen ländlichen, noch lesbaren aber schon fremden Ordnung des Universums und dem Relativismus, der Lockerheit des rundherum anonymen Stadtlebens bewegte. Die neue, zugleich faszinierende und als bedrohlich wahrgenommene städtische Welt, bevölkert von beliebigen, austauschbaren Menschen, deren leere Worte häufig Ausdruck der politischen Opportunität waren und die Wirklichkeit schön reden wollten, raubten ihm erneut den Atem, sodass er begann, seine Sprachlosigkeit zu überwinden, indem er um seinen persönlichen Atem, also um jedes seiner Worte rang und zum Dichter wurde. Die Worte des Gedichts brachten wieder den Atem - wenigstens für eine bestimmte Zeit. Sie bannten die städtischen Dämonen der zwischenmenschlichen Beziehungen und andere, die Dämonen des Einstweiligen, der Anonymität, der Intrigen hinter den Kulissen, der raubgierigen Habsucht des Molochs. Das Gedicht lähmte sie, indem es diesen Dämonen einen Namen gab. Das Gedicht wurde zum neuen moralischen Gesetz und zur Alternative des alles übertönenden, neuen Geschwätzes. Indem Jan Goczoł Dichter wurde, setzte er gewissermaßen die handwerklich-ländliche Tradition seiner männlichen Vorfahren fort: die Materie, deren Widerstand er brach, war die ihm immer vertrautere polnische Sprache, seine lyrische Mundart, in der er seine eigentliche Heimat und sein Feld fand, auf dem er immer neue Gedichte anbauend, ein immer handwerklich ausgefeilteres Gebilde baute. Davon zeugen bedeutende Auszeichnungen, mit denen man sein lyrisches Werk bedachte: 1963 wurde er mit dem ersten Preis des angesehenen Lyrikwettbewerbs "Rote Rose" in Danzig, elf Jahre später mit dem noch angeseheneren Stanisław-Piętak-Preis geehrt, der an Dichter verliehen wurde, die der ländlichen Poesie auch unter der Bedingungen des Arbeiter- und Bauernstaates die Treue hielten. In einer Zeit, in der lesende Arbeiter Fragen stellten, war es erforderlich, einen schreibenden Bauersohn zu finden, der durch die neue Gesellschaftsordnung zu einem Intelligenzler geworden, sie bodenständig beantworten konnte.

Entwurzelte Zwischenmenschen

Trotz der bis heute in den Kreisen der polnischen Literaturkritiker gelegentlich unternommenen Versuche, die Gedichte Jan Goczołs in diese dörflich-verklärte Ecke zu zwingen, haben sie damit nichts zu tun. Die lyrische Welt, in der sich dieser Dichter bewegt, der seine Herkunft nie leugnete, ist von allgemeiner Bedeutung. Es ist zwar eine heimatliche Dichtung, weil sie die dem Dichter vertraute Umgebung widerspiegelt, also die Gegend, in die er eingeboren wurde, die er am besten kennt und die er seit fast schon sieben Jahrzehnten ergründet. Die individuellen, wirklichen und lyrischen Sujets seiner kleinen Welt, in denen sich sein Leben abspielt: die Schönheit und die Vernichtung der Natur, der Verlust der dörflichen und die Schwierigkeiten mit der städtischen Identität, die Geschichts- und Gesichtslosigkeit der alten und neuen Bewohner seines Oppelner Landes, jener "Zwischenmenschen", die sich in der Gegenwart nicht mehr oder noch nicht zurechtfinden können, drücken zugleich Probleme aus, vor denen die große Welt auch nicht verschont geblieben ist. In unserer schönen neuen Welt gibt es eben keine Einheimischen mehr, alle sind zugewandert, auch wenn sie in ihrer Gegend seit Jahrhunderten ansässig sind . Die Verwurzelten sind genauso entwurzelt, wie die Neuankömmlinge, die aus ihrer alten Heimat durch die geo-politischen Folgen des letzten Weltkriegs mit Wurzeln ausgerissen wurden. Für diese "Zwischenmenschen" stehen in der Dichtung von Jan Goczoł zwei Protagonisten: der alte Schlesier und Janina Ptak, Tochter von ostpolnischen, nach Paderborn verschleppten Zwangsarbeitern, Lehrerin in einem schlesischen Dorf. Der alte Schlesier ist heute nur noch ein Phantom, mit dem Jan Goczoł Gespräche führt, wie zum Beispiel in seinem Gedicht Der alte Schlesier, den es nicht gab (1992):

Ich dachte, er sei bereits im Jenseits, befreit
von der Zwangsjacke der nationalen Entscheidung,
ich dachte, hinter des Herrgotts Ofen erlebt er
die verdiente Ewigkeit. Doch immer neue
gedungene Boten der gedungenen Hörer überzeugen lauthals
vom Trugbild dessen, was war. Den alten Schlesier
tilgen sie eiligst aus der Ahnentafel,
als ob es ihn nie gegeben, als ob er nie gelebt hätte.

Aus dem Band Poezje wybrane (Ausgewählte Gedichte). Warszawa. 1985. S.27.

Dem anderen "Zwischenmenschen", den die "neue Schlesierin" Janina Ptak sowohl wirklich als auch lyrisch verkörpert, widmet der Dichter, genauso wie dem "alten Schlesier", einen ganzen Gedichtszyklus, aus dem das folgende Gedicht Die Ahnen von Janina Ptak galoppieren (1998) stammt:

Die Ahnen von Janina Ptak galoppieren durch die hüglige Steppe
Mittelasiens, sie richten die Augen gen Westen, wo die Sonne untergeht
zwischen Gold und Purpur. Der Hufschlag ihrer Pferde
hetzt das Blut. Das Blut brennt in den Schläfen, braust.

Der Hufschlag ihrer Pferde. Sie hört ihn, wenn nur das Schlagzeug
beim Silvesterball dröhnt. Niemand ahnt die Gefangenschaft im Zwischenstromland
an San und Bug zu Lebzeiten so vieler Generationen beim Weiden des Viehs,
beim Ackern der Felder, in den Schulbibliotheken. Vielleicht nur ein kurzes Blitzen
der Zähne in den Mundwinkeln, die plötzlich verfinsterten Pupillen
könnten das alles offenbaren.

Aus dem Band Zapisy śladowe (Schriftzeichenspuren). Katowice. 1999. S.41

Mittelpunkt(e) der Welt

Drei Jahre bevor dieses Gedicht entstand, schrieb er seiner Bekannten, in deren  Adern er das Blut der mittelasiatischen Nomaden rauschen zu hören vermochte, den Brief eines Einheimischen an Janina Ptak (1995):

Unsere Worte schauen sich an wie
über einen Zaun. Jedes scheint jedoch selbstsicher
immer wieder zurückzublicken. Meine,
da aus der hiesigen Sprache, fühlen sich nicht wohl: gegenüber
braungebrannten Nomaden, nicht gefesselt an
diesen einen unseren Ort seit eh und je. Wie sind
ihre Höllen, ihre Himmel, wenn unbekannt die Mitte
der Welt, wo? Zum Beispiel Paderborn, eine Stadt in
Westfalen, wo ein Mann und eine Frau, nach Jahren
der Zwangsarbeit, vor dem Altar in Sankt Georg
(oh, diese uralten Kirchen in Paderborn - wo kann
eine Hochzeit sich wohl in solche Höhen erheben!)
ihre aus der Gegend von Jarosław und Opatów
mitgebrachten Bündel zusammen warfen - nur
eine Eintragung in der Urkunde des Standesamts,
und dann später in der Geburtsurkunde ihrer Tochter
(und dort zittert vielleicht noch in der Luft
dein Geburtsschrei). Nicht in Paderborn also. Aber
ob dann später in Zapałów und Maczugi, oder auch
noch später, in Wabienice, Pszeniczna, Kluczbork, Racibórz,
Pągów, Buków und Opole auf einmal oder für sich
mein Brief deine lesbare Anschrift finden kann?

Aus dem Band Zapisy śladowe (Schriftzeichenspuren). Katowice. 1999. S.42-43.

Diesen unfreiwilligen nomadisch-ostpolnisch-deutsch-neuschlesischen Kreis, in dem sich Janina Ptak drehte, schließt ihre Tochter, Vertreterin der ersten in Schlesien geborenen Generation, also auch schon eine Einheimische, die zu ihrem Mittelpunkt der Welt, genauso wie die Kinder und Enkelkinder des alten Schlesiers, Westdeutschland gewählt haben, als sie deutsche Männer oder Frauen heirateten. Zu ihrer Tochter reist Janina Ptak an den Rhein, was Jan Goczoł in seinem gleichnamigen Gedicht (1997) so beschreibt:

Es macht nichts, die Bus-Fessel fünfzehn Stunden
einer Winternacht. Es macht nichts, die Pass-Beichte
vor der Möglichkeit, das eigene Kind zu sehen.
Aber diese vertraute Sprache, Wort für Wort
aufgeschichtet aus anderem Gestein, Tag für Tag
in fünfzig Jahren, jetzt plötzlich am Hals
wie ein Mühlstein.

Aus dem Band Zapisy śladowe (Schriftzeichenspuren). Katowice. 1999. S.60.

Ähnlich waren auch die Empfindungen des anderen Protagonisten, dessen Besuch in der neuen Heimat seiner Kinder Jan Goczoł im Gedicht Der alte Schlesier in Hannover (1985) schilderte:

Er stakst jetzt auf diesen Asphaltstraßen
wie ein Pferd: steif setzt er die Beine auf, als sei er blind.

Er gewöhnte sich schon, dort keine Sonne zu sehen,
wo sie scheinen sollte (offensichtlich sind hier sogar
die Himmelsrichtungen anders). Er fragt auch nichts mehr.

Noch kommt es vor, dass er morgens einnickt:
Er träumt, ein Nachbar frage ihn direkt nach seinem Namen.
Der so fremd riecht, der so fremd schnarcht, wie der Glaube:
fremd, aus einem anderen Blut, von irgendwo eingeschleppt.

Aus dem Band: Poezje wybrane (Ausgewählte Gedichte). Warszawa. 1985. S.143.

Ein Glück, dass es noch Situationen gibt, in denen der Dichter sein Schlesien zu hören vermag und die schlesische Seele unverfälscht und vertraut erklingt, wie bei den Auftritten der Volksgesangsgruppe Silesia, die mit ihrer Fidel, Klarinette und ihrem Schifferklavier Jan Goczołs Herz erfreuen und der sich an ihren mundartlichen Liedern ergötzt. Aufmerksame Beobachter der Wiederbelebung der volkstümlichen Musiktraditionen ahnen jedoch, dass bald auch diese Stunden der Volksmusik genauso wenig mit der schlesischen Wirklichkeit gemein haben werden, wie die heutigen Klezmerkapellen mit der Welt des ostjüdischen Stetls, das sie munter besingen, obwohl es dieses in Wirklichkeit leider nicht mehr gibt.

Das Schweigen des Heiligen

Was bleibt, ist ein Apel an Goczołs persönlichen und den schlesischen Schutzheiligen Jan Nepomuk, dem der böhmische König Wenzel 1393 die Zunge ausreißen und ihn von der Brücke in die Moldau stoßen ließ, wo er ertrank. Dieser aufrechte Verteidiger der Rechte der Kirche und Kämpfer gegen die weltliche Macht, nach seinem Märtyrertod als Brückenheiliger verehrt, taugt als Zungenloser am besten zum Schutzheiligen einer Gegend, deren Bevölkerung ebenfalls eine beschnittene Zunge hat. Also fordert Goczoł im Gedicht An meinen J.N. (1994), seinen gleichnamigen Heiligen auf, endlich das Wort zu ergreifen:

Du siehst doch, Jan Nepomuk,
sie zermalmten unsere Dörfer
mit breiten Reifen, mit harter Währung
bestechen sie die letzten Zeugen, sie halten nichts
von der menschlichen Erinnerung. Sie gewinnen falsches Zeugnis umsonst.
Und du sagst weiter nichts?

Aus dem Band Zapisy śladowe (Schriftzeichenspuren). Katowice. 1999. S.28.

Jan Nepomuk schweigt jedoch beharrlich, denn was soll er sagen angesichts dessen, dass die breiten Reifen und die harte Währung meistens zu den Nachkommen der alten und neuen Schlesier gehören? Den Mittelpunkt ihrer Welt haben sie zwar nach Deutschland verlagert, doch sie setzen die beständige Tradition der "Zwischenmenschen" fort: nicht mehr Schlesier, nicht mehr Polen, noch lange keine Deutschen. Im beliebig austauschbaren, heimatlosen Zwischenraum.

© Urszula Usakowska-Wolff. Alle Rechte vorbehalten.

 

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