|
IRENA
SENDLER
Am 12. Mai 2008 starb in Warschau Irena Sendler, eine Frau, die heute weltweit als Heldin verehrt wird, deren Namen Schulen, Straßen und Parks tragen, eine Frau, die mit höchsten polnischen und israelischen Auszeichnungen bedacht und die 2007 und 2008 für den Friedensnobelpreis nominiert wurde. An den Rollstuhl gefesselt - eine Folge ihrer Folterungen durch die Gestapo im berüchtigten Pawiak-Gefängnis im von den Deutschen besetzten Warschau im Herbst 1943, wurde ihr am Ende ihres Lebens, als sie ihr kleines Zimmer im Warschauer Pflegeheim der Barmherzigen Brüder nicht mehr verlassen, geschweige denn reisen konnte, das Interesse der Öffentlichkeit zuteil. Ihre Erlebnisse und ihre außerordentliche Haltung während des Zweiten Weltkriegs blieben lange Zeit im Verborgenen, denn sie habe "nur ihre Pflicht getan" und wollte darüber keine Worte verlieren. Dass ihre Geschichte, die Geschichte einer mutigen Frau, die zur Rettung von 2500 jüdischen Kindern und etlichen Erwachsenen aus dem Warschauer Ghetto beigetragen hatte, öffentlich bekannt wurde, verdankte sie vier Schülerinnen aus der 300-Seelen-Gemeinde Uniontown im amerikanischen Bundesstaat Kansas, die Ende der 1990er Jahre im Rahmen einer Projektarbeit herausgefunden haben, dass sie während der Naziherrschaft doppelt so viel Juden das Leben rettete als Oskar Schindler. Darüber verfassten sie den zehnminütigen Einakter "Das Leben im Glas", der sich bis heute großer Popularität erfreut und über eintausend Mal aufgeführt wurde. Als sie erfuhren, dass ihre Heldin in Warschau lebt, besuchten sie sie dort zum ersten Mal 2001, was das Interesse der polnischen Medien auf die mutige Polin lenkte, sodass sie ihre Geschichte an die Öffentlichkeit brachten. 2003 lernte die polnische Theaterwissenschaftlerin und Autorin Anna Mieszkowska Irena Sendler kennen. Das war eine schicksalhafte Begegnung: Zehn Monate lang trafen sie sich fast jeden Tag und Irena erzählte Anna ihr Leben. 2004 wurde im Warschauer Verlag Muza das Buch "Die Mutter der Holocaust-Kinder. Irena Sendler und die geretteten Kinder aus dem Warschauer Ghetto" veröffentlicht. Dank Anna Mieszkowska, deren Sendler-Biografie mein Mann Manfred Wolff und ich 2006 für die DVA ins Deutsche übersetzt hatten, lernte wir Irena kennen und konnten sie einige Male in Warschau besuchen. Anna Mieszkowska und ich hatten die Gelegenheit, das Leben und die Leistungen dieser außerordentlichen Frau Erwachsenen und Jugendlichen in Leipzig, Detmold, Düsseldorf, Berlin, Unterwaltersdorf (Österreich), Wien, Nürnberg, München, im belgischen St. Vith, Kelmis, Eupen und Brüssel vorzustellen. Die über zwanzig Lesungen, zu denen Hunderte von Menschen erschienen, dauerten nicht selten über drei Stunden und könnten noch länger sein, denn das Interesse an dieser mutigen, bescheidenen Frau ist ungebrochen. Am 19. April dieses Jahres strahlte ferner die CBS den Film "The Courageous Heart Of Irena Sendler" aus, dem Mieszkowskas Buch zugrunde lag, den über acht Millionen Zuschauer in den Vereinigten Staaten sahen. Am 1. Mai 2009 wurde nach Irena Sendler eine vom Niederländer Jan Ligthart gezüchtete Tulpenart benannt, am 4.Mai 2009 wurde ihr in Berlin posthum der Audrey Hepburn Humanitarian Award verliehen.
"Schwester Jolanta“ rettete Kinder aus dem Warschauer Ghetto Die am 15. Februar 1910 in Warschau geborene Irena Krzyżanowska stammte aus einer patriotischen, sozialdemokratischen polnischen Familie. Ihre Eltern brachten ihr bei, dass man die Menschen nur in gute und schlechte einteilt und dass Religion und Hautfarbe keine Rolle spielen. "Einem Ertrinkenden muss man die Hand reichen", lernte sie von ihrem Vater, der als Arzt vor allem Arme behandelte, sich von einem Patienten mit Typhus ansteckte und starb, als Irena sieben Jahre alt war. Liebe, Demut und Toleranz waren die drei Grundsätze, denen sie immer treu blieb. Irena Sendler war zeit ihres Lebens eine sozial engagierte Frau, die sich bereits im Vorkriegspolen - als Mitarbeiterin des Sozialamts im Warschauer Magistrat - für die Rechte alleinerziehender Mütter von unehelichen Kindern einsetzte. Gleich nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im September 1939 gründete sie mit anderen zehn Kolleginnen und einem Kollegen vom Warschauer Sozialamt eine Untergrundorganisation, die den Juden zu Hilfe eilte, obwohl die Deutschen in Polen, im Gegensatz zu den anderen besetzten Ländern, die kleinste, einem Juden geleistete Hilfe mit dem Tod bestraften. Angesichts des Elends der Kinder im Warschauer Ghetto, das von den deutschen Besatzungsbehörden im Herbst 1940 als "jüdischer Sperrbezirk" errichtet wurde, in dem eine halbe Million Menschen, darunter viele Freundinnen und Freunde Irenas, unter unvorstellbaren Bedingungen zusammengepfercht leben mussten, begann sie unter dem Decknamen "Schwester Jolanta" und mit einem Passierschein, der ihr jederzeit freien Zutritt zum Ghetto ermöglichte, diese Kinder auf zum Teil abenteuerlichen Wegen - in Säcken und Kartons - auf die "arische Seite" zu schleusen, um sie vor dem sicheren Tod im Vernichtungslager Treblinka zu retten. Die Kinder erhielten eine neue Identität und wurden in polnischen Familien, Waisenhäusern oder Klöstern untergebracht. Ihre Namen notierte sie auf dünnen Papierstreifen und versteckte sie in einem Einmachglas unter einem Apfelbaum im Garten. Das war Irena Sendlers Liste, jenes "Leben im Glas", wo die Vergangenheit der geretteten Kinder bewahrt wurde, sodass sie sich nach dem Krieg wieder ihrer wahren Identität vergewissern und den Weg zu ihrer Angehörigen finden konnten. Im Herbst 1943 wurde Irena Sendler von der Gestapo verhaftet und zum Tod verurteilt. Trotz schrecklichster Folterungen gab sie keinen Namen preis, auch nicht, um ihr Leben zu retten. Durch Bestechung eines Gestapobeamten, der sie von der Liste der Todeskandidatinnen entfernte, kam sie frei und lebte bis zum Ende des Kriegs in verschiedenen Verstecken, da sie von den Deutschen gesucht wurde. Sie gab aber ihre Arbeit nicht auf und half als Leiterin des Kinderreferats des Judenhilferats żegota in Warschau, der Finanzmittel des polnischen Untergrundstaates an die verfolgten Juden verteilte, den jüdischen Kindern weiter.
Jugendliche
sind von Irena Sendler begeistert "Die Rettung der jüdischen Kinder war meine Pflicht und keine Heldentat. Sie war die Berechtigung meiner Existenz. Mein Vater brachte mir nämlich bei, dass man den Schwachen und Gefährdeten helfen muss. Wenn sich damals deutsche Kinder in einer solchen Situation befänden wie die jüdischen Kinder, hätte ich ihnen auch geholfen", sagte Irena Sendler. Sie war sehr darüber erfreut, dass ihre Biografie in Deutschland erschien und verfolgte mit Spannung die Resonanz darauf. "Ständig höre ich das Echo, das der Inhalt des Buchs 'Die Mutter der Holocaust-Kinder' in Deutschland hervorruft", schrieb sie mir am 27. Februar 2008. "Mit Frau Mieszkowska sind wir zum Schluss gekommen, dass Ihre Übersetzung besser gefällt und mehr Interesse weckt, als das Buch in Polen." Und tatsächlich ist das Interesse an Irena Sendler im deutschsprachigen Raum enorm. Vor allem Jugendliche sind von ihrer Zivilcourage angetan: An den Lesungen, die in den letzten zwei Jahren in Deutschland, Österreich und in Belgien stattfanden, beteiligten sich Hunderte von Schülerinnen und Schülern, alleine an den Schulen der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens über 500! Daraus entwickelten sich langfristige Projekte, die von Jugendlichen initiiert und durchgeführt werden. Erwähnen möchte ich die Robert-Jungk-Oberschule in Berlin, deren Lehrerinnen und Schülerinnen im Februar 2008 nach Warschau reisten, um Irena Sendler zu besuchen, und ihre Eindrücke in einer multimedialen Präsentation festhielten; die im Juli 2007 eingeweihte Irena-Sendler-Schule im bayerischen Hohenroth, die erste Irena-Sendler-Schule weltweit, deren Schülerinnen und Schüler zur Eröffnung eine große Ausstellung ihrer Patronin organisierten und deren Rektorinnen im September 2007 einen Apfelbaum im Park vor dem Ghetto-Denkmal in Warschau pflanzten; das Theaterstück „Tor zum Leben. Die Rettung von 2500 Kindern aus dem Warschauer Ghetto“, dargestellt von geistig behinderten Schülern und Schülerinnen aus Deutschland (Bodelschwingh-Schule in Soest), Polen (Zespół Szkół im. Aleksandra Kaminskiego in Strzelce Opolskie) und Israel (Morasha School in Netanya), sowie die neueste Projektarbeit „Die Mutter der Holocaust-Kinder. Irena Sendler und die geretteten Kinder aus dem Warschauer Ghetto“, an der drei Schulklassen des César-Franck-Athenäums in Kelmis in der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens seit Ende November 2008 arbeiteten. Über 50 Schülerinnen und Schüler, darunter viele Muslime, beschrieben jede Straße und jede Person, die in diesem Buch vorkommen und versammelten die Ergebnisse ihrer Arbeit in einer beeindruckenden Ausstellung, die noch bis Mitte Mai 2009 in ihrer Schule besichtigt werden kann.
Ein
Vorbild für viele Menschen "Ich
finde, dass Irena Sendler eine Frau war, die anderen das Leben rettete
und nicht an sich selbst dachte", schreibt die Schülerin Jessica
Peusgen aus Kelmis. "Irena Sendler wurde durch das Buch 'Die
Mutter der Holocaust-Kinder' weltweit bekannt und einige geretteten
Kinder erfuhren so, dass sie noch lebt. Es ist schade, dass sie erst
jetzt so 'berühmt' wurde. Ich kannte Irena Sendler gar nicht. Ich
wusste auch nicht, wie ein Ghetto aussieht und wie unmenschlich
Menschen sich verhalten können. Irena Sendler hatte viele Helfer, die
ihr bei der Kinderrettung halfen. Was Irena Sendler gemacht hat, war
Zivilcourage. Heutzutage gibt es auch viele sozial engagierte
Menschen, die Menschen helfen, aber sie riskieren nicht ihr eigenes
Leben. Mir hat dieses Projekt die Erfahrung gebracht, jeden Krieg
vermeiden zu wollen. Wenn man Streit hat, soll man darüber reden oder
sich gegenseitig ignorieren. Ich weiß jetzt auch viel mehr über den
Krieg, Irena Sendler und die anderen Helfer. Irena Sendler kann stolz
auf ihre menschliche Würde sein. Sie ist ein Vorbild für viele
andere Menschen." Den Worten der 16-jährigen Belgierin kann man
nichts mehr hinzufügen, denn sie hat verstanden: Irena Sendler, eine
kleine, zierliche Frau, huldigte Werten, die sie dazu bewegten, auch
in Zeiten größter Menschenverachtung, die zur Menschenvernichtung führte,
die Menschlichkeit zu bewahren und zu verteidigen. Irena Sendler hat
mit ihrem ganzen Leben bewiesen, dass man auch in den schlechtesten
Zeiten Gutes tun muss, weil das die Pflicht jedes anständigen
Menschen ist. Und das bleibt gültig - über ihren Tod hinaus. Text © Urszula Usakowska-Wolff 05.05.2009
|