|
"Das war meine Pflicht und keine Heldentat"
Irena Sendler
(15.02.1910 - 12.05.2008)
Die kleine zierliche und stets schwarz gekleidete Frau mit einem schwarzen Band im schlohweißen Haar strahlt Wärme, Bescheidenheit und Entschlossenheit aus. Sie heißt Irena Sendler und feierte am 15. Februar ihren 96. Geburtstag. Seit einigen Jahren an den Rollstuhl gefesselt - eine Folge ihrer Folterungen durch die Gestapo im berüchtigten Pawiak-Gefängnis im von den Deutschen besetzten Warschau im Herbst 1943 - lebt sie in einem Warschauer Pflegeheim. "Wenn ich daran denke, was ich alles erlebt habe, habe ich manchmal den Eindruck, dass es nicht wahr sein kann", sagt sie. Ihre Erlebnisse und ihre außerordentliche Haltung während des Zweiten Weltkriegs blieben lange Zeit im Verborgenen, denn sie habe "nur ihre Pflicht getan" und wollte darüber keine Worte verlieren. Dass ihre Geschichte, die Geschichte einer mutigen Frau, die zur Rettung von 2500 jüdischen Kindern und etlichen Erwachsenen aus dem Warschauer Ghetto beigetragen hatte, endlich öffentlich bekannt wurde, verdankt sie vier Schülerinnen aus der 300-Seelen-Gemeinde Uniontown im amerikanischen Bundesstaat Kansas, die Ende der 1990er Jahre im Rahmen einer Projektarbeit herausgefunden haben, dass sie während der Naziherrschaft doppelt so viel Juden das Leben rettete wie Oskar Schindler. Darüber verfassten sie den zehnminütigen Einakter "Das Leben im Glas", der sich bis heute großer Popularität erfreut. Als sie erfuhren, dass ihre Heldin in Warschau lebt, besuchten sie sie dort, was das Interesse der polnischen Medien auf die mutige Polin lenkte, so dass sie ihre Geschichte an die Öffentlichkeit brachten.
Sendlers Liste versteckt im Glas Irena Sendler war zeit ihres Lebens eine sozial engagierte Frau, die sich bereits im Vorkriegspolen - als Mitarbeiterin des Sozialamts im Warschauer Magistrat - für die Rechte alleinerziehender Müttern von unehelichen Kindern einsetzte. Bereits nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im September 1939 gründete sie mit anderen zehn Kolleginnen und einem Kollegen vom Warschauer Sozialamt eine Untergrundorganisation, die den Juden zu Hilfe eilte, obwohl die Deutschen in Polen, im Gegensatz zu den anderen besetzten Ländern, die kleinste, einem Juden geleistete Hilfe mit dem Tod bestraften. Angesichts des Elends der Kinder im Warschauer Ghetto, das von den deutschen Besatzungsbehörden im Herbst 1940 als "jüdischer Sperrbezirk" errichtet wurde, in dem eine halbe Million Menschen unter unvorstellbaren Bedingungen zusammengepfercht leben mussten, begann sie unter dem Decknamen "Schwester Jolanta" und mit einem Passierschein, der ihr jederzeit freien Zutritt zum Ghetto ermöglichte, diese Kinder auf zum Teil abenteuerlichen Wegen - in Säcken und Kartons - auf die "arische Seite" zu schleusen, um sie vor dem sicheren Tod im Vernichtungslager Treblinka zu retten. Die Kinder erhielten eine neue Identität und wurden in polnischen Familien, Waisenhäusern oder Klöstern untergebracht. Ihre Namen notierte sie auf dünnen Papierstreifen und versteckte sie in einem Einmachglas unter einem Apfelbaum im Garten. Das war Irena Sendlers Liste, jenes "Leben im Glas", die die Vergangenheit der geretteten Kinder bewahrte, so dass sie sich nach dem Krieg wieder ihrer wahren Identität vergewissern konnten und den Weg zu ihrer Angehörigen finden konnten. Im Herbst 1943 wurde Irena Sendler von der Gestapo verhaftet und zum Tod verurteilt. Trotz schrecklichster Folterungen, über die sie bis heute nicht sprechen kann, gab sie keinen Namen preis, auch nicht, um ihr Leben zu retten. Durch Bestechung eines Gestapo-Beamten, der sie von der Liste der Todeskandidatinnen entfernte, kam sie frei und lebte bis zum Ende des Kriegs in verschiedenen Verstecken, da sie von den Deutschen gesucht wurde. Sie gab aber ihre Arbeit nicht auf und half als Leiterin des Kinderreferats des Judenhilferats "Zegota" in Warschau, der Finanzmittel des polnischen Untergrundstaates an die verfolgten Juden verteilte, den jüdischen Kindern weiter.
Die Mutter der Holocaust-Kinder "Die Rettung der jüdischen Kinder war meine Pflicht und keine Heldentat. Sie war die Berechtigung meiner Existenz. Mein Vater brachte mir nämlich bei, dass man den Schwachen und Gefährdeten helfen muss. Wenn sich damals deutsche Kinder in einer solchen Situation befänden wie die jüdischen Kinder, hätte ich ihnen auch geholfen", sagt Irena Sendler. Ihre Geschichte ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie viel ein Mensch mit Zivilcourage gegen das Elend und die Ungerechtigkeit dieser Welt auszurichten vermag: nachzulesen in dem bei der DVA neu erschienen Buch der polnischen Autorin Anna Mieszkowska "Die Mutter der Holocaust-Kinder. Irena Sendler und die geretteten Kinder aus dem Warschauer Ghetto". Text © Urszula Usakowska-Wolff 23.01.2006
|
||||||||||||||||||||||||||