JANUSZ TAZBIRPolen an den Wendepunkten der GeschichteKapitel 1.Die Union von Lublin aus heutiger SichtIrgendwie haben wir kein Glück, runde Jahrestage der Union von Lublin zu feiern. Im 17. Jahrhundert waren solche Jubiläen noch nicht üblich, obwohl polnische Jesuiten den hundertsten Jahrestag des Bestehens ihres Ordens (1640) und die Städte des Königlichen Preußen den zweihundertsten Jahrestag ihrer Befreiung vom Joch der Kreuzritter festlich begingen. Im 18. Jahrhundert fiel der Jahrestag der Union von Lublin unglücklich mit dem Beginn der Konföderation von Bar zusammen, und wem war damals nach Feiern zumute? Während der polnischen Teilungen müsste dieses Ereignis einige Jahre nach dem Scheitern des nächsten Aufstandes begangen werden. In Volkspolen gedachte man der Union von Lublin eher verschämt und unwillig, in der Befürchtung, sie würde Erinnerungen an die alte Machtstellung wecken, was im Widerspruch zu den Traditionen der "polnisch-sowjetischen Freundschaft" stand, die man der Bevölkerung so eifrig eintrichtern wollte. Die Union - ein Ausgangspunkt der Teilungen?Trotz der nach 1989 erfolgten Veränderungen ist es bis heute nicht gelungen, dass sich polnische, litauische, ukrainische und weißrussische Historiker über das 1569 unterzeichnete Dokument auf eine Meinung einigen. Seine Folgen waren recht bedeutsam; man kann sie auch gegenwärtig noch aus der Landkarte lesen, da die heutigen Grenzen, die Russland von den baltischen Staaten, der Ukraine und vor allem von Weißrussland trennen, mit den Grenzen des polnisch-litauischen Staates im 16. Jahrhundert mehr oder weniger übereinstimmen. Weil seit mindestens zweihundert Jahren alle Kontroversen über unsere Vergangenheit früher oder später bei den Ursachen der Teilungen enden, müssen die Diskussionen über die Union auch die Fragen nach dem Verschwinden der Adelsrepublik von der politischen Landkarte unseres Kontinents einbeziehen. Als nahezu unbestritten gilt die Behauptung, dass die Union von Krewo (1385), die das Großfürstentum Litauen vor der Invasion der Kreuzritter rettete, der Wilna mit eigenen Kräften nicht standhalten konnte, und die Union von Lublin einen (bisweilen!) wirksamen Schutz vor den territorialen Gelüsten Moskaus bildeten. An dieser Stelle darf jedoch eine skeptische, keine feierliche Frage gestellt werden: "Barg etwa das Jahr 1569 einen unvermeidlichen Kern der Teilungen in sich?" In allen Lobpreisungen der Union von ihrer Geburt an bis auf den heutigen Tag, wird ihr freiwilliger Charakter hervorgehoben. Sie wurde nicht mit Gewalt aufgezwungen, sie war keine Folge einer Eroberung, sondern Ausdruck des Einverständnisses beider Seiten. Genauer gesagt: Ein Akt des Willens des Herrschers und der um seinen Thron versammelten politischen Elite, denn die Untertanen hat niemand so recht gefragt. Ähnlich, wie ohne ihre Zustimmung zweimal das Christentum eingeführt wurde: zuerst in seiner römischen Form (die Taufe Polens und einige Jahrhunderte später Litauens), dann in Form der "protestantischen Häresie" (die Verbreitung der Reformation auf diesen Territorien). Die polnische Schlachta "beider Nationen" war außerordentlich stolz darauf, dass unter ihrer Regentschaft so viele Territorien und Völker ohne Gewaltanwendung vereinigt werden konnten. 1646 begründete der Arianer Samuel Przypkowski die Notwendigkeit der Beibehaltung der religiösen Toleranz in Polen u.a. damit: "Unsere Respublica besteht aus so vielen Nationen, die mit verschiedenen Sitten, Sprachen, Konfessionen einer unierten und inkorporierten, unteilbaren Monarchie beigetreten sind." Zur Abwechslung lesen wir in dem Schulbuch über die Geschichte Litauens (von J. Geniuszas), dessen polnische (übrigens sehr holprige) Übersetzung 1940 erscheinen konnte, also noch vor der Einverleibung Wilnas in die UdSSR: "Im Lubliner Parlament widersetzten sich die Litauer nachdrücklich der Idee, Litauen Polen anzuschließen", was auch nach der Union nicht erfolgte. Das Großfürstentum behielt seine vollständige Autonomie bei, und die Polen "konnten nichts machen, denn Litauen hatte sein eigenes Heer und verteidigte mit Nachdruck die Unabhängigkeit seines Landes." "Gleiche zu Gleichen, Freie zu Freien"Recht hatte in Wirklichkeit nicht der Autor dieses Schulbuches, sondern eher Przypkowski. Das war nicht nur eine wohlklingende Phrase, die wir sowohl in der Inkorporationsakte Wolhyniens als auch in jener des Fürstentums Kiew an Kronpolen finden, nämlich, dass sich "Gleiche den Gleichen, Freie den Freien" anschließen. Unter diesem Gesichtspunkt stand die Union von Lublin im krassen Gegensatz zur Englisch-Schottischen Union von 1707, die den Schotten aufgezwungen wurde. Kein Wunder, dass sie diese Union als Verletzung ihres Staates betrachteten und sie nie voll akzeptierten. Eines der größten Missgeschicke der Respublica war es, dass sowohl die polnische als auch die litauische Schlachta nicht begreifen konnte, dass man auf den Grundlagen der Freiwilligkeit zwar einen großen territorialen Staat schaffen, ihn jedoch nur mit einem mächtigen und leistungsfähigen Heer verteidigen kann, das über eine prall gefüllte Schatulle verfügt. Nach Jahrhunderten beschrieb Michal Bobrzynski höhnisch das Ideal eines Schlachtschitzen, eines Catos im Tribunal und Sejm, eines Verteidigers der Standesfreiheit und des Glaubens. Doch "kein Wort verlor man dabei, ob dieses Ideal eines Polen regelmäßig seine Steuern zahlt." Aber auch deshalb hatte man es mit der Zahlung nicht eilig: Die Soldaten und das Geld konnten benutzt werden, in der Respublica ein absolutum dominium zu errichten, dessen Beispiele man in anderen europäischen Staaten sehen konnte. Als ich vor einigen Jahren Die Reichstagspredigten von Piotr Skarga herausgab, nahm ich mit einem nachsichtigen Lächeln die dort vertretene These zur Kenntnis, dass das republikanische System nur für politische Gebilde mit einem kleinen Territorium, wie Venedig, die Schweiz oder die Niederlande tauglich sei, die anderen brauchten eine starke königliche Macht, sonst gingen sie unter, von starken Nachbarn erobert. Alle großen territorialen Staaten des damaligen Europas verfügten denn auch über eine starke Zentralmacht. Wenn die republikanischen Vereinigten Staaten Nordamerikas der englischen Intervention siegreich widerstehen konnten, dann nur deshalb, weil sie nicht in unmittelbarer Nachbarschaft Großbritanniens lagen. Sie wurden von der See und der großen Entfernung geschützt. Nichts konnte die Respublica jedoch wirksam schützen, die ihre Nachbarn mit der Größe der zu erwartenden Beute lockte, sie dazu herausforderte durch das Fehlen eines Verteidigungssystems, einer funktionierenden Verwaltung, eines vernünftig arbeitenden Parlaments. Recht hatte wohl die s.g. "Krakauer Schule", die den Standpunkt vertrat, Polen habe als Folge der Union von Lublin aufgehört, ein "normaler" mittlerer Staat in Mittelosteuropa zu sein. Die Weite des Landes zersplitterte die Energie seiner politischen Eliten, die gegen Ende des 16. und zu Beginn des 17. Jahrhunderts zunehmend "verwässert" wurden durch den Zustrom der litauischen oder russischen Schlachta, die noch nicht reif war, ein Land zu regieren. Ein ehrgeiziger Plebejer brauchte nur einige hundert Kilometer weiter zu ziehen, um im neuen Milieu für einen Schlachtschitzen zu gelten, was Walerian Nekanda-Trepka, Autor des Registers dieser unverschämten Parvenus, so sehr beklagen wird. Die im 17. Jahrhundert von der Krone verfolgten Andersgläubigen fanden Zuflucht in Litauen. Und was viel wichtiger ist: Jene Vertreter der polnischen Bauern, die an der Spitze der antifeudalen Aufstände stehen könnten, retteten sich lieber durch eine Flucht in die Ukraine und schufen dort die Voraussetzungen für die Entstehung des Kosakentums. Es fehlte das dritte GliedDas hatte zur Folge, dass trotz lieb gewonnener Klischees die Kosakenaufstände nicht so sehr ein Kampf der unterdrückten russischen Bauern mit den polnischen Magnaten sondern ein Konflikt der ruthenisierten polnischen Landbevölkerung mit der polonisierten russischen Schlachta waren. Vor einiger Zeit war ich sehr erheitert, als ich in einem Abriss der Geschichte Lettlands las, die antifeudalen Aufstände der dortigen Untertanen drückten, objektiv genommen ... den Willen zur Vereinigung mit Russland aus. Es fällt schwer, nicht zuzugeben, dass alle Kosaken-Revolten, mit dem Chmielnicki-Aufstand angefangen, denselben, ebenfalls objektiv genommenen Willen zur Revision der Vereinbarungen der Union von Lublin ausdrückten. Es ging nämlich um ihre Ausweitung auf das dritte Glied der Respublica, das Großfürstentum Russland, dessen System laut dem Vertrag von Hadziacz (1658) dem Muster der politischen Struktur Litauens entsprechen sollte. Dazu ist es leider nicht gekommen, obwohl die erneuerte Respublica, gestützt auf drei gleichrangige Hauptstädte: Warschau, Wilna und Kiew eine Großmacht darstellte, die wirksam und langfristig das politische Vakuum in diesem Teil Europas hätte ausfüllen können. Es fällt leicht, nostalgisch über die erneuerte Respublica zu schreiben. Aber das Unglück ihrer Eliten war, dass sie - wie der Teufel das Weihwasser - jeden Gedanken an irgendwelche tiefere Reformen fürchteten. Unser nationales Fatum kann die Tatsache genannt werden, dass wir im 16. - 17. Jahrhundert ein Staat der "weiteren Folgen" waren, dass wir ein früher begonnenes Werk nur fortsetzten. Das betraf vor allem die Privilegien der Schlachta, die diese Schicht bereits Ende des Mittelalters ihren Monarchen zu entreißen begann. Mit Anna Sucheni-Grabowska wiederholen wir, dass der Anachronismus des Funktionierens unseres parlamentarischen Systems daraus resultierte, dass es vom Augenblick seiner Entstehung an (also Ende des 15. Jahrhunderts) keinen ernsteren Wandlungen unterworfen war. Es war also nicht im Geringsten an die sich verändernden historischen Bedingungen, an die Bedürfnisse der riesigen territorialen Gemeinschaft vieler Völker, Konfessionen und Religionen angepasst. Ihre Koexistenz, der man sich in dem vom Gewitter der Religionskriege geplagten Europa des 16. Jahrhunderts so sehr rühmte, wurzelte auch in der früheren Geschichte Polens. Sie bildete zwangsläufig die "weitere Folge." Sind dabei neue Elemente zum Vorschein gekommen? Wir, EuropäerIn dem Joachim Lelewel gewidmeten Gedicht Adam Mickiewiczs lesen wir: Und so, wo du dich
auch wendest, zeugt jeder Schritt deiner Fußsohle, Der Autor des Epos Pan Tadeusz brachte hier seine Überzeugung zum Ausdruck, dass es drei Heimatkreise gibt: den territorialen, der durch den Geburtsort bestimmt wird, den politischen, als Folge der Zugehörigkeit zum Staatsgebilde genannt "Republik beider Nationen", und schließlich den kulturell-sittlichen, verbunden mit einer bestimmten Zivilisationsart (europäisch, lateinisch-christlich). Es ist kein Zufall, dass die ersten Anzeichen europäischen Bewusstseins in Griechenland manifest wurden, gelegen an der Grenze zu Asien, mit dem es im ständigen Kontakt blieb. Eine ähnliche und relativ frühe Entwicklung dieses Bewusstseins in Polen resultiert aus der Tatsache, dass sich gerade auf seinem Gebiet zwei Kontinente zivilisatorisch und sittlich trafen. Nicht wir, sondern die westlichen Historiker haben bemerkt, dass das Adjektiv "europäisch" in den in unserem Lande herausgegebenen Werken fast ein halbes Jahrhundert früher als auf den Titelseiten der französischen, englischen oder italienischen Bücher erscheint. Ähnlich wie die Bezeichnung der Bewohner unseres Kontinents, die bereits Sebastian Klonowic Europianer nannte. Lassen wir uns aber nicht einreden, dass wir dank unserer Lage am Rande der damaligen zivilisierten (denn eine andere existierte nicht) europäischen Gemeinschaft ihre Bastion, Vormauer, Festung bildeten, die das Vordringen der westlichen Einflüsse zu den die orientalische Kultur verkörpernden Völkern verhinderte. Gerade jene Union trug erheblich dazu bei, dass Polen zu einer Brücke und einem Zivilisationstiegel wurde, in dem die Elemente der asiatischen materiellen Kultur zu einer Einheit mit der Lobpreisung der Rechte des Individuums und der Zurückweisung der Tyrannei in jeglicher Form verschmolzen. Es ist allgemein bekannt, dass Russland im 17. Jahrhundert aus den Errungenschaften der polnischen Renaissance mit vollen Händen schöpfte und dank unserer Vermittlung das damalige Theater, die Dichtung und Philosophie kennen lernte. Damals wurden auf dem Gebiet der Respublica mehr Bücher in kyrillischer Schrift gedruckt als zur gleichen Zeit in ganz Russland. Die Situation änderte sich radikal erst im nächsten Jahrhundert dank den Reformen, die Peter der Große initiierte. Schon damals wird die eilige Europäisierung Russlands das Ende seiner Polonisierung bedeuten. Zwar stand der russische Barock im Zeichen der Übersetzungen von Marcin Bielski, Marcin Kromer und Piotr Skarga, doch die russische Aufklärung griff direkt nach den in Paris oder gar London veröffentlichten Werken. Mit einer Regelmäßigkeit, die Aufmerksamkeit verdient, wird sich diese Situation im letzten halben Jahrhundert wiederholen. Seit dem Jahr 1945 bis zu den Anfängen der "Gorbatschow-Ära" waren wir das Fenster zur Welt für die russische, aber auch litauische oder ukrainische intellektuelle Elite. Durch unsere Vermittlung kam sie mit der westlichen Belletristik und der wissenschaftlichen Literatur, dem dortigen Film und Theater in Berührung, was die Kenntnis der polnischen Sprache natürlich nach sich zog. Unter diesem Gesichtspunkt wiederholte sich also die Situation aus der Zeit nach der Unterzeichnung der Union von Lublin. Der Triumph der "Perestroika" und der Zerfall der Sowjetunion bewirkten, dass die Bewohner ihrer Nachfolgestaaten nun ohne unsere Vermittlung nach den Erzeugnissen der westlichen (vor allem amerikanischen) Kultur greifen können. Freiwillige PolonisierungUnd hier kommen wir zu den Aufmerksamkeit verdienenden Vorwürfen, die der Union von Lublin von litauischen und ukrainischen Kritikern gemacht werden: Sie habe das kulturelle Heranreifen der eigenen Zivilisationen verlangsamt und deren nationale Selbstfindung verhindert. Vor gerade diesem Hintergrund entstehen Komplexe, die zum Teil eine Untermauerung in den historischen Fakten finden. Am häufigsten beklagen sich die Ukrainer und erinnern daran, dass ihre Elite im 17. Jahrhundert der Polonisierung, im 19. Jahrhundert der Russifizierung, und in unserem Jahrhundert der Ausrottung (durch den Stalinismus) unterlag. Drei nacheinander folgende Polonisierungen Litauens fallen mit der Blüte des Barock, mit der Entwicklung des der Universität in Wilna untergeordneten Schulwesens (Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts), schließlich mit dem Einfluss unserer Massenmedien, der Presse und der Bücher in der Zeit der Volksrepublik Polen zusammen. Das ist zwar alles wahr, aber es lohnt sich daran zu erinnern, dass bis zur Aufklärung niemand in Polen davon träumte, den anderen mit Gewalt die eigene Sprache aufzuzwingen. Die aufgeklärten Schichten hatten noch die besonderen geschichtlichen Traditionen in Erinnerung und nahmen mit einer betrübten Resignation die Tatsache zur Kenntnis, dass sie der Sprache ihrer Ahnen nicht mehr mächtig waren. Wir erinnern an dieser Stelle noch einmal an die oft zitierten Worte des Fürsten Janusz Radziwill, der 1615 an seinen Bruder, den Feldhetman Krzysztof, schrieb: "Obzwar ich selbst als Litauer geboren wurde und als Litauer zu sterben gedenke, müssen wir in unserem Vaterland das polnische Idiom benutzen." Viel Verwirrung löste die in den Jahren 1595 - 1596 verabschiedete Union von Brest aus, die zu einer ganzen Reihe von Konflikten führte und zum ideologischen Zündstoff für die Kosakenaufstände wurde. Aber niemand kümmerte sich zu sehr um die Sprache, die von den Leuten hinter der Ladentheke oder hinter dem Pflug benutzt wurde. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts dauerten unter der litauischen und ukrainischen Schlachta Assimilierungsprozesse an, die auf der freiwilligen Übernahme der polnischen Sprache und der polnischen Sitten beruhten. Zur Festigung der nationalen Besonderheit der Bewohner des Großfürstentums trug die katholische Kirche auch wesentlich bei. Das wird ihr später von Hugo Kollataj bitter vorgeworfen werden, der es den Priestern übel nahm, den Glauben auf Samogitisch oder Litauisch verkündet zu haben. Das isolierte die Bevölkerung des Großfürstentums von den Behörden der Respublica. Im Gegensatz dazu wollte Kollataj, dass jeder ihrer Bewohner "aus dem Bedürfnis der Verbindung mit der Regierung" Polnisch beherrsche. Nur in dieser Sprache sollten Schulen unterrichten, nur auf Polnisch sollten Gerichte und andere Behörden tagen. Auf der ersten Etappe der Entnationalisierung (denn es fällt schwer, dies anders zu bezeichnen) sprach man Polnisch und zugleich die Sprache der Vorfahren, die man weiter, aber nur zu Hause für den privaten Gebrauch benutzte. Auf der zweiten Etappe sollte sie dagegen ganz verschwinden. "Durch Gesetz zu erzwingen, dass die Juden anders redeten, als sie jetzt reden, kann man nicht. Aber ihre Sprache erlischt von alleine, wenn die Juden keine andere Schrift benutzen dürfen als die der Landessprache...", stellte Mateusz Butrymowicz, Abgeordneter im Vierjährigen Sejm, fest. Das entsprach übrigens völlig den Forderungen der französischen Jakobiner, nach deren Meinung ein echter Patriot nur Französisch sprechen sollte. Indem wir an diese nicht sehr sympathischen Eigenschaften der Aufklärung erinnern, tun wir das in der Überzeugung, dass einige Dinge zu Ende erklärt werden und nicht ungesagt bleiben sollten. Ähnlich sollte man Vorsicht bei den Vorwürfen des Verrats dort walten lassen, wo es um die Bestrebungen der Bewohner des Großfürstentums ging, einen selbständigen Staat zurückzufordern. Doch im Grunde genommen sehen wir diesen Staat durch das Prisma der literarischen Mythen. Zuerst dachte sich Adam Mickiewicz ein Adelsnest der masurischen (also rein polnischen) Schlachta aus, das Soplicowo bewohnen sollte, dann platzierte Eliza Orzeszkowa das Gut der Familie Korczynski (Am Njemen) in einer ähnlichen Nachbarschaft. Sowohl die Einen als auch die Anderen mussten aufgrund ihrer geographischen Lage Nachbarn gehabt haben, die sich einer anderen Sprache bedienten. Unabhängigkeit in alten GrenzenWladyslaw Konopczynski lobte das Königliche Preußen dafür, dass es nie den Versuch unternahm, sich von der Respublica loszulösen, obwohl seine Bevölkerung sich so sehr durch Sprache und Konfession unterschied. Aber die Bemühungen um die Selbständigkeit Litauens, die von den beiden Radziwills, Boguslaw und Janusz, unternommen wurden, betrachten wir mit den Augen der Helden der Sintflut. Doch gerade an diese Traditionen werden Litauer im 19. und 20. Jahrhundert anknüpfen. Und in der Zeit der Teilungen konnte sich keine der polnischen Unabhängigkeitsparteien die Rekonstruktion der alten Respublica anders vorstellen als in den Grenzen von 1772. Gefühle, von denen Eltern bewegt werden, die nicht verstehen können, dass ihre Kinder erwachsen sind und ihre eigenen Häuser errichten wollen, erwachten jetzt bei vielen polnischen Politikern und Schriftstellern, die in den "Ruthenen" einen der polnischen Stämme sehen wollten, der sich von den Góralen (Bewohnern der Hohen Tatra), Masuren oder Großpolen nur durch die geographische Lage und die Konfession unterschied. Wer sich ad oculos davon überzeugen möchte, blicke in die sorgfältige Neuauflage (1985) des Buches von Feliks Koneczny Heilige in der Geschichte der polnischen Nation, wo der Autor den Lesern erklärt, dass "die russische Sprache der polnischen Buchsprache verwandter ist als die Zakopaner, geschweige denn die kaschubische Mundart." Sogar als man schließlich die nationale Wiedergeburt Litauens akzeptierte, dachte man nicht daran, dass die Unabhängigkeit zu einem vollständig souveränen und gänzlich von Polen getrennten Litauen führen wird. Diese Überzeugung drückte Henryk Sienkiewicz u.a. in einer wenig bekannten Novelle Der Glöckner aus, die eine Art Nachwort zur Sintflut ist. Diese Stimmung machte sich auch in der Zeit der Zweiten Republik breit, als die Bestrebungen der Ukrainer zur Gründung eines eigenen Staates oder der Ukrainer und Weißrussen, die sich mit ihren Landsleuten auf der anderen Seite der Grenze verbinden wollten, Befürchtungen um die territoriale Integrität der Republik weckten. Das alles zog Fehler in der damaligen Nationalitätenpolitik nach sich, die sich ungestraft nur eine Großmacht, nie ein mittlerer oder kleiner Staat leisten kann. Und obwohl andere europäische Hauptstädte eine noch schlimmere Diskriminierung ihrer nationalen Minderheiten praktizierten (als Beispiel erwähnen wir etwa die italienische Politik gegenüber der deutschen Bevölkerung in Tirol), wurde das vor allem Polen übel genommen. Die Befürchtungen vor einer neuen Teilung der Republik sowie das Gefühl der Bedrohung des Polentums von innen führten zur Entstehung negativer Klischees über Ukrainer, Litauer oder Weißrussen, geschweige denn über Deutsche. Unmittelbar
nach der Union von Lublin bildeten Polen circa 40 Prozent der Bewohner
des eigenen Staates, in der Zwischenkriegszeit 60-70 Prozent, gegenwärtig
95 Prozent. Der reiche Malkasten der ethnischen Farben wurde eintönig,
und die alte "ukrainische Schule" in der Literatur schrumpfte
zu einer Gruppe von Literaten und Publizisten, die in Podlachien wirken.
Diese bis auf den heutigen Tag ethnisch und konfessionel gemischte Region
dient auch als Kulisse für Filme, die auf eine nostalgische Art und
Weise die Schönheit der östlichen Grenzgebiete verklären
(Das Tal der Issa, Die Chronik der Liebesfälle, Am Njemen). Ähnlich
wie zu den Pionieren der nationalen Wiedergeburt in Irland die dortige
Intelligenz gehörte, die oft die Sprache ihrer Vorfahren überhaupt
nicht kannte, so wurde auch bei uns die Rückkehr zu den litauischen
Wurzeln am häufigsten auf Polnisch verkündet. Um die alte Geschichte
des Großfürstentums im neuen Licht erscheinen zu lassen, schreckte
man auch vor Fälschungen nicht zurück. Federführend war
dabei vor allem Teodor Narbutt (1784 - 1864), der sich nicht damit begnügte,
vermeintliche Dokumente zu fabrizieren. Er kam auch auf die Idee, eine
litauische Runenschrift zu erfinden. Heute wird sie als eine lustige Kuriosität
betrachtet, in der Zeit der Bemühungen um den Wiederaufbau Litauens
in den Jahren des Ersten Weltkrieges wurde sie ganz ernsthaft auf Postkarten
verbreitet. Derselbe Narbutt dachte sich auch ein angebliches Siegel des
Großfürstentums aus, er beschrieb die Wehranlagen von Wilna
im ausgehenden 15. Jahrhundert, über die diese Stadt in Wirklichkeit
bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts nicht verfügte, oder er zeichnete
die Abbildungen des dortigen Doms, die angeblich von 1387 stammten. All
diese Mystifikationen wurden schrittweise erst in unserem Jahrhundert
entlarvt. Es gibt aber noch immer litauische Historiker, die einer anderen
Idee Narbutts Glauben schenken, und zwar, dass der Name dieses Landes
von einer Göttin mit dem Namen Lietua stammt, die angeblich im Pantheon
des heidnischen Litauens sitzt. Perspektiven für die ZukunftEher komische Elemente treffen hier auf sehr tragische Sachverhalte: So lange die Leute nicht aussterben, die Wilna im Rahmen der s. g. "Repatriierung" nach 1945 verlassen mussten, werden die Träume über seine Rückkehr nach Polen nicht erlöschen. Genährt wurden sie von dem eher zu Unrecht veröffentlichten Buch Konrad Górskis, das unter gewissen politischen Bedingungen entstanden ist und eine Fülle von antilitauischen Ressentimmens enthält (ich denke an die Arbeit Divide et impera, Bialystok 1995, die während des Zweiten Weltkrieges geschrieben wurde). Noch nach der Unterzeichnung des Vertrags von Jalta, der eine weitere Version der Teilung Polens war, beklagte man, dass Wilna nicht mehr zu Polen gehört. Wenige kümmerten sich leider darum, dass fast das ganze Großfürstentum Litauen, dessen Hauptstadt bekanntlich Wilna war, in die UdSSR einverleibt wurde. Der Vertrag von Jalta zerstörte letztendlich in den Jahren 1944 - 1945 das Werk der Union von Lublin, ähnlich wie er ein Jahr später in Lwów (Lemberg) die Bestimmungen der Union von Brest ungültig machte. Wir
befinden uns auf einer historisch wichtigen Etappe der Vereinigung unseres
Kontinents. Sollte der Traum vieler Generationen von Erfolg gekrönt
werden, finden wir uns in einem Europa wieder, das eher eine Föderation
der Regionen als die der Vaterländer sein wird, eine Föderation,
die auf den Grundsätzen einer vollständigen Freiwilligkeit basieren
wird. Es sind also jene Grundsätze, von denen sich die Väter
der Union von Lublin leiten ließen. Deshalb können wir diese
Union als unseren Beitrag zu den historischen Traditionen Europas des
21. Jahrhunderts betrachten. Ohne sich an dieses Ereignis zu erinnern,
fällt es schwer, die Geschichte eines Staates zu verstehen, dessen
Nationalküche nicht nur den ukrainischen Borschtsch und den Karpfen
auf jüdische Art, sondern auch litauische Maultaschen zu bieten hat. © Janusz Tazbir © Deutsche Übersetzung Urszula Usakowska-Wolff und Manfred-Wolff | ||||