PERVERSE
VERSE
Ecce
Ich
bin kein Ideal.
Ich missbrauche Geduld und Alkohol.
Wenn ich lache, dann zu laut.
Wenn ich was mache, dann mit der linken Hand.
Ich
bin eine Poetesse.
Des Wortes Mätresse.
Ich schreibe gereimte Sachen
in mindestens zwei Sprachen.
Ich
leide an Übergewicht und zum Schein.
Wenn ich liebe, dann unglücklich.
Wenn ich kämpfe, dann bis zum letzten Tropfen.
Ich töte ohne Bedarf.
Ich
bin eine Poetesse.
Des Wortes Mätresse.
Ich suche ein Loch im Ganzen
und das Große im Kleinen.
Ich
rauche zu viel und sehe fern.
Mein Geschmack trotzt dem Bon Ton.
Meine Urteile sind meistens ungerecht.
Ich schwöre Meineide.
Ich
bin eine Poetesse.
Des Wortes Mätresse.
Ich schreibe auf Servietten
über andere Poetissinnen und Poeten.
Ich
begehre meinen Nächsten.
Ich glaube nicht an die unbefleckte Empfängnis.
Ich bete nicht. Ich sühne nicht. Ich verspreche keine Besserung.
Ich
bin eine Poetesse.
Des Wortes Mätresse.
Ich finde großes Gefallen
an verdichteten Qualen.
Wenn
ich bereue, dann nur gute Taten.
Wenn ich vergieße, dann nur Krokodilstränen.
Ich komme auf den Hund und meinen Nächsten
heule ich mit den Wölfen an.
Ich
bin eine Poetesse.
Des Wortes Mätresse.
Ich schreibe gereimte Sachen
in mindestens zwei Sprachen.
Also
wenn du mich zu deinem
Ebenbild geschaffen hast,
dann wohl in einem Anfall
eines irdischen Sinns für Humor.
1995
©
Urszula
Usakowska-Wolff

(H)eiliger
e(u)rotischer Sch(m)erz
Für
Herrn Marcel Reich-Ranicki
Wahlverwandte
Konsonanten liebkosen
meine Musen tragen Hosen.
Keusche Verben stürzen sich gerne
mit Substantiven ins Verderben.
Liebliche Metaphern lachen
in beliebigen Sprachen.
Zarte Wortarten verweilen
auf allen Seiten
reiten ewige Wahrheiten
zum sanften Leid.
Perverse
Verse schmücken Regale
mit kuscheligem Entzücken entrücken
orale Vokale gleiten zum Finale.
Auf dem Höhepunkt ein Gedankensprung
zittert sch(m)erzhaft in Klammern.
Die letzten Ellipsen knipsen das Licht
aus.
Bücherwelt
und ihr Held
der ausnahmsweise zur rechten Zeit
so schön verneint
zwischen den verweilenden Zeilen.
1997
©
Urszula
Usakowska-Wolff

Man
Für
Wislawa Szymborska
Das
ganze Leben lebte man
auf diesem zu kleinen Raum
Man schlief wenn man sich
in ein zu kurzes Deckchen bettete
Man
ging auf niedrigem Fuß
den zerkratzten Hausflur entlang
in den Wolken der Not
die im Flaschenhals steckte
Ohne
Ende verknüpfte man das Ende
mit dem Ende
Auf einem Härchen hing man
viergeteilt
Man
hatte Freunde wie
auf Rezept
Tinte im Blut
Feder unter der Haut
Absatz zum großen Fest
Na
bitte was hat man gemacht
na bitte was hat man errungen
dass man sich sogar
nicht ausschreiben kann
Man
hat ein Bild
von den ersten Zeitungsseiten
der Name
zischt seltsam raschelt unbeholfen
in fremden Sprachen
Jedes
Wort kaum
ausgesprochen schreit
schwarz auf weiß
zum grau gemacht
Vom
Überfluss schmerzt der Kopf
nicht mehr
der Ruhm vertreibt den Schlaf
nicht von den Augen
Man
hat so viele Freunde
die man in der Not nicht
kennenlernte
Eine gute Miene trägt man
wie ein Schild
Man
hat all diese
Masken Grimassen Applause
in der Regel
ohne die Ausnahme zu unterstreichen
1996
©
Urszula
Usakowska-Wolff

Lyrischer
Tod
am
dritten Februar starb Hrabal
meldete das Fernsehen
er fütterte Tauben im Krankenhaus
er trug einen dicken weißen Pullover
mit einem handgestrickten Muster
vermutlich aus Neuseeland
im
fünften Stock des Krankenhauses
nach einer vermutlich orthopädischen Operation
das heißt er konnte wieder gehen
er
saß vor dem kleinen Haus
er saß in der Kneipe trank Bier
vermutlich mochte er wenn die Menschen nach dem Bier redeten
ohne Komma und Strich wie nach dem Bier so gewohnt
er
mochte seine Frau sie ging zu schnell für immer fort
unbehauste Katzen waren sein Zuhause
Hrabal
starb
im fünften Stock des Krankenhauses
gibt es vermutlich keine Katzen
er
fütterte Tauben mit der letzten ungeschriebenen
Liebe zur Kreatur
ein
alter Erzähler fällt leider nicht
automatisch auf vier Pfoten
die
Katzen müssen sich jetzt selbst ernähren
Hrabal
zwinkert ihnen aus dem Katzenhimmel zu
(eine
Katze hat vermutlich sieben Leben)
ein
Faden gesponnen auf einer anderen Ebene
1997
©
Urszula
Usakowska-Wolff

Poeten
sind keine Netten
Nimm
dich vor Poeten in acht
sie schreiben alles um
sie dichten allen nach
Sie
verdichten zu Strophen deine Katastrophen
Komplexe flechten sie in Texte ein
Dein Leben verweben sie in Nebensätzen
zerren deine Leiden
an der kurzen Leine bis zum letzten Reim und Bindestrich
mit diversen Versen erdrücken sie dich
sie spionieren deine Gefühle
buchstabieren deine Angst
sie machen aus deiner Seele eine druckreife Hölle
zwingen dich in Zwangsjacken aus Metaphern
sie drücken dir Klammern auf
nachts tragen sie dir zu Bette eine nette Sonette
Dann bist du zwischen den Seiten ein beschriebenes Blatt
Wenn die Muse Muße mit dir hat
Nimm
dich vor Poeten in acht
sie schreiben alle nieder
sie dichten alle ab
1998
©
Urszula
Usakowska-Wolff

Virtom@ni@
(für
M.N@t-online.de)
Virtuell
ist generell nicht sehr
sensuell
Es
h@pert @n der
H@ptik
Z@hme
Mäuse
im Pl@stikgehäuse
entziehen sich dem
Schl@f
Bildschirmrom@ntik
gefesselte Sem@ntik
gibt jedes Geheimnis
preis
Elektronische
Schubl@den
mit Sehnsüchten
gel@den
zum Abruf
bereit
Suchm@schinen
verheißen vorstellb@re
Reize
stürzen unversucht
@b!
Elektronisch
ist postpl@tonisch
gar nicht
met@phorisch
@ch!
1997
©
Urszula
Usakowska-Wolff

Zu
Tisch beim Tuntenfisch
Tuntenfisch
in Medientunke
ist ein Zeitgeisttrendsetter.
Er sprüht bei jedem Wetter
mit coolen Funken.
Er sagt nie nein zur Comedy.
Ein aufmerksamer Zeitgenosse
mit einer großen Ka(ka)rosse.
Er ist ein trendy Dandy
mit einem schrillen Handy.
Sein
Konterfei ist bügelfrei.
Seine Diamanten - unvergänglich.
Im Umgang ist er sehr umgänglich.
Er lebt bewusst im Überfluss
auf dem globalen hoh(l)en Fuß.
Er ist rhetorisch orientiert
und digital auch sehr versiert.
Er ist ein trendy Dandy
mit einem schrillen Handy.
Ein
knitterfreier Junggeselle
mit einer zeitgeisttreuen Seele.
Er hat verstanden und tut was.
Empfindet jede Menge Spaß.
Und wenn seine Lippen
am Bacardi nippen
flippen die Girls einfach aus.
Er ist ein trendy Dandy
mit einem schrillen Handy
Seine
Manieren sind geläufig.
Seine Allüren täuschen häufig.
Er ist ein Single mit t- online.
Am Abend ist er nie allein.
Wenn's sein muss, wird er rechts gesichtet.
Pragmatisch eher grün verpflichtet.
Politisch korrekt und nicht wählerisch:
eben ein flotter Tuntenfisch.
Eben ein trendy Dandy
mit einem schrillen Handy.
1998
©
Urszula
Usakowska-Wolff


Das
Wie der Geriatrie
Das
Alter naht mit großen Schritten.
Es altern Hände, Hoden, Titten.
Arthrosen
gehen in die Hosen.
Verehrer bringen keine Rosen.
Die
Haare weichen dem Verstand.
Blondinen reizen nur am Rand.
Triebe
vergehen um halb sieben.
Kann man ein solches Leben lieben?
Warzen
verschanzen sich auf der Nase.
Ununterbrochen nervt die Blase.
Das
Überbein nimmt Überhand.
Bandscheiben ärgern am laufendem Band.
Neurosen
lauern in jeder Ecke.
Am Halse kleben Leberflecke.
Cholesterin
ist zu viel drin.
Ist das denn überhaupt der Sinn?
Adipositas
und Zellulitis
gesellen sich gern zur Gastritis.
Vaginen
leiden an Anginen.
Finis
Penis!
Tschüs.
1997
©
Urszula
Usakowska-Wolff

€(u)rotik
wenn
das Telefon klingelt vibrieren Hormone
Osterlämmer verblühen unter dem kalten Mond
bunte Eier platzen wie Seifenblasen
Schokohasen leiden an ihren abgebissenen Nasen
schmatzen genüsslich braune Lippen
des kleinen Kannibalen
in solch einer Nacht
wenn die marinierte Lammkeule
in Sternensoße aus spanischem Knoblauch
nicht aufersteht
rufe ich an
ein gefügiger Finger wählt die Nummer
der entfesselten Fernmündigkeit
auf der funkelnden Leitung treibt die Zunge
den schlummernden Körper voran
in solch einer Nacht
wenn der erstickte Kalbsnierenbraten
nicht mit menschlicher Stimme klagt
spüre ich
eine süße körperlose Berührung
und ein Prickeln der erdachten Versuchung auf der Haut
wenn das Telefon klingelt vibrieren Hormone
erwachen in alle Ewigkeit gezähmte Dämonen
ranken sich die fastenden Gedanken
auf dem Schokoladenboot entgleitet der lyrische Nonsens
in zungenfertige Weiten
in der kalten Frühlingsdämmerung
wenn das Zuckerlamm einsam fröstelt und erfriert
lege ich auf
Stille auf der Tastatur
eine trotzige Erinnerung der beabsichtigten Sünden
zur ewigen Versuchung führe mich
du Atem der im Telefon pulsiert
1997
©
Urszula
Usakowska-Wolff

Marode
Ode
Die
Nacht kämpft mit dumpfen Geräuschen
zwischen den Versen frevelt der Orkan
Im frigiden Heizkörper klopft
ein verlassener Gliedfüßler um den Verstand
Vertraute Gespenster tanzen vor dem Fenster
schlägt die morsche Magnolie ein Klagelied an
In allen Ecken bringen sich die Schrecken um den Schlaf
flüchtige Lügen flüstern auf und ab
Unsichtbare Dritte plötzlich in der Mitte
des Banns
Ein entfernter Ton lauert im Ohr
Auf den ersten Klick tickt das Glück
die Finger gieren nach der Berührung mit der Tastatur
eine feuchte Spur ist nicht von der Hand zu wischen
Leise zischt das hochprozentige Tief
über den Morgen heran
Die blauschimmernde Röte
verblasst sehr gefasst
Im Glas verenden ungeschriebene fremde Verse
senden in die Ferne die zweite moderne Wahlverwandschaft
Bis zum letzten Klick tickt das Glück
fliegen gediegene Diminutive auf
Wein
bis zum letzten Reim
Oden ohne festen Boden
Harmlose (Neu)rose(n) der Nacht
1998
©
Urszula
Usakowska-Wolff

Le plaisir,
1927
(für
Herrn R. Magritte)
Das
schreckliche Fräulein fängt ein braunes Vöglein
schwarze Lippen es öffnet und schmatzt mit dem Zünglein
spitze Zähnchen ins flatternde Bäuchlein sich zwingen
trotzige Blutströpfchen mit den Fingerchen ringen
malerische Wonne sprießt aus dem Bildlein.
Das
angebissene Vöglein fügt sich diesem Bann
und blinzelt mit den Äuglein malerischen Elan
wenn die Striche mit farbigen Schmerzen erbeben
und gepinselte Unterleibchen zu Gelüsten schweben
soll es bluten im lieblichen Wahn.
Andre
Vöglein warten auf dem Ölbaum mit Entzücken
bis die schwarzen Lippen des Fräuleins sie beglücken
wenn es mit dem Zünglein sie liebkost
dann flattern aus dem Bildlein getrost
Schmerz und Wonne ins sinnliche Entrücken.
1997
©
Urszula
Usakowska-Wolff



Borkenkäfertreffer
Ein
Borkenkäferrüde wurde nicht müde,
die Weibchen unter ihren
Chitinleibchen zu begatten,
sodass sie mit ihm eine Borkenkäferorgie hatten.
In der Mehrfamilienbuche
war er immer auf der Suche
nach einer befleckten Empfängnis.
Das wurde ihm zum Verhängnis,
denn die promiskuitiven Triebe
ließen die Liebe auf der Strecke.
Er rettete seine Haut
mit einer artfremden Braut.
und zeugte ohne Vernunft eine bissige Zunft.
Nun stecken Borkenkäferzecken unter einer Decke
und bedecken die Buche mit Schrecken.
1999
©
Urszula
Usakowska-Wolff






















Öhrchenspielchen
Hauch
mir was zartes ins Öhrchen
ich bin dein Frauchen mein Herrchen
Streichle mich bis die Nacht uns ergreift
und fesselt mit Pfingstrosenrot
ich bin deine Alkmene du bist mein Zeus
Flüstre
mir was nettes ins Öhrchen
ich bin dein Frauchen mein Herrchen
Küsse mich bis die Lust uns benetzt
und erdrückt mit Fliederduftschwaden
ich bin deine Zofe du bist mein Sklave
Sprich
mir was smartes ins Öhrchen
ich bin dein Frauchen mein Herrchen
Lass mich um deine Wärme nicht feilschen
wenn die Nacht sanft mit dem Morgen rankt
ich bin deine Domina du bist meine Peitsche
Sag
mir was leises ins Öhrchen
ich bin dein Frauchen mein Herrchen
Halte mich bis der Tag uns beflügelt
und im goldnen Blumenstaub flattert
Ich bin deine Säge du bis meine Latte
1998
©
Urszula
Usakowska-Wolff

Lyrische Geburtstagsgrüße
Du
bist der einzige Mann
der mich am helllichten Tag
ehelichte.
Mitnichten
nicht die beste,
die Mann sich aussuchen kann,
eher zweite Wahl
der poetischen Qual.
Du
bist meine späte
amour fou
im Nu
haben wir uns vermählt.
Nun
quält man sich
schon etliche Jahre auf dieser Welt
gemeinsam.
Manchmal
recht einsam,
aber noch immer sehr froh,
dass es so gekommen ist.
Mit
abgelaufener Garantiefrist
bin ich vom Umtausch ausgeschlossen.
Und meine ehemaligen Genossen
sind im Äther verschwunden.
Du
bist der einzige Mann
der mich für Stunden
bändigen kann.
Die dominante Variante
mit einer seidigen Kante.
Mit einer Neigung zum Frust.
Also
Proust!
1998
©
Urszula
Usakowska-Wolff


Reality
Fiction
Du
bist wahrscheinlich der Mann meines Lebens.
ein Mann für mein ganzes Leben.
Ich
schreibe wahrscheinlich,
denn was ist heute noch so wie es scheint?
Also
kleide ich dich in Worte
und schreibe dich von der Seele buchstäblich ab.
Dann
liebe ich dich nach Belieben, quäle dich
an manchen Stellen weniger als mehr.
Und
entzücke mich an der Kreatur
aus Evas Rippe
so sehr ich dich ins reine tippe:
bis
der Punkt uns trennt.
1999
©
Urszula
Usakowska-Wolff

Delyrium
Hoden
liegen am Boden
und lassen andere Körpermassen
bei ihrem Anblick erblassen.
Scheiden schneiden Grimassen
und verfassen ein Lied
auf ein Glied
das die helfende Hand
so lange an sich band
bis es aus dem Stand nicht mehr fand.
1999
©
Urszula
Usakowska-Wolff

Kennst
du das, wenn die Gartenzwerge blühn?
Viele
Gartenzwerge verrichten dort ihr Soll.
Grelle Zipfelmützen schwitzen und erhitzen sich wohl.
Hohle Köpfe glühen und mühen sich voll
an der seichten Seite der Sonne.
Dort und fort ohne Groll.
Toll ist dieses bodenständige bisschen Land,
das geordnet unter der tüchtigen Hobbygärtnerhand gedeiht:
hinterm Zaun der Engelsstraße Nummer sechs, vor dem Haus an
der Ecke .
Kein Kraut trübt die gejätete Bodenwonne.
Keine Nessel befreit die Schmetterlinge aus den Fesseln
der Hecke.
Lilien strecken sich und verrecken in der grünen Tonne.
Dort wächst der Rasen sehr symmetrisch und grünt eher
blass.
Starke Wurzeln purzeln vor dem Grubber ans Licht.
Keusche Rosen lassen das Vergissmeinnicht
nicht aus der Sicht
und treiben mit der Gartenkresse einen krassen Spaß.
Roter Mohn klatscht dort mit dem Schweinchen aus Ton
und versucht es mit dem Oberzwergförster meistens mit Pardon.
Im Bauernhof daneben haben echte Schweine wie gehabt
kein Schwein.
Allein oder gruppenweise gehen sie ihrem Los leise an den Leim.
Und trotzdem verbreitet sich der Goldregen im Garten
mit verführerischem Pastell.
Sein Gift - Cocktail steht dem Idyll bereitwillig Modell.
Gartenzwerge
rasen grazil durchs Gras.
Gartenzwerge grasen den Hasen gezielt die Lust ab.
Pusteblumen verpesten leider dieses Glück
und plustern sich mit Wespen vor dem Hobbygärtnerblick.
Nur der echte Zwerg ist recht in diesem Haus.
Kriminelle Gartenzwerge raus!
Ich
kenne das, wenn die Gartenzwerge sich mühn.
Ich kenne diese Hecke, wo die Zipfelmützen glühn:
hinterm Zaun der Engelsstrasse Nummer 6, direkt an der Ecke.
O
entgeisterter Meister Friedrich Engels aus Wuppertal!
Sollte dein Heil
im Gips allein
stecken?
1998
©
Urszula
Usakowska-Wolff

Mundhygiene
im Dienst der Zähne
In
einem Pilotensessel - Chrom und glattes Leder im dezenten Grau -
steht der Kopf auf dem Kopf im Liegen.
"Machen Sie den Mund auf" - er gehorcht und eröffnet
ungeahnte Einblicke in die wortgewaltige Höhle:
Sitzt die Seele zwischen den Zähnen?
"Sie haben sich in die Wange gebissen, ob Sie das wissen?",
vergewissert sich die schwarzhaarige Helferin.
Mundgeschützt beschwört sie Gefahren,
die auf den Zahnhälsen kauern:
Dort teilen sich Bakterien zum pelzigen Belag
und vermehren sich rasant zum Plaque.
"Jeder Biss ist gewiss ein Biss ins eigene Fleisch",
kreischt der Bohrer in den Ohren und ortet den Feind.
Ein bisschen Leid ergibt viel Sinn,
denn die Kronen sind im nachhinein betäubend weiß
und verheißen ein vollmundiges Lächeln.
Die überbrückte Zunge hechelt nach einem verbindlichen
Wort:
garantiert aus kontrolliertem Anbau
1999
©
Urszula
Usakowska-Wolff

Die Analyse der Hypophyse
Die
Hypophyse ist das Paradies der Drüsen
durch die diffuse Moleküle düsen.
Sie ist ein leicht abstruser Happen
mit Vorder-, Mittel- und Hinterlappen.
Auf ihren endokrinen Bahnen wohnen Dämonen in Hormonen.
Und Ahnen mit der langen Fahne
sind dort nicht immer erste Sahne.
Sie strömen mit dem Samen
und thronen in den Genen.
Sie gähnen in den Venen
und lallen in den Zellen.
Sie schweben im Gewebe
und martern die Leber.
Sie tragen zarte Kainsmale
und wallen in der Galle.
Sie beschwören Geschwüre
und harren in den Nieren.
Sie speichern im Speichel bleiche Markenzeichen.
Das Erbgut ist ein alter Hut
und droht der Brut mit Spott.
Die Domäne der Gene ist ein gigantisches Komplott.
Fasern geraten in Rage
und bringen Blut in Not.
Die Genome sind genau genommen
selten ein gutes Omen.
Proteine kennen keine Sühne
und protzen mit Zysten auf den Pisten der Brüste.
Dort rasen Phrasen wie Metastasen
und die Bühne der Sinne
hortet jedes Wort.
Doch
die poetische Ader,
die an der Feder hält
bringt der konfusen Genese
weder Image noch Geld.
Amen.
1999
©
Urszula
Usakowska-Wolff



nach(t)wort
worte
ringen
um
zungen
zügelloses
zungenspiel
um
die
zungen
zu
bezwingen
springen
die
münder
über
den
rand
die
gelüste
flü
stern
auf
verlorenem
posten
im
osten
mit
weichem
auslaut
flaut
die
nacht
ab
stern
schnuppen
fallen
von
den
augen
augen
gehen
unter
die
haut
2000
Gedichte ©
Urszula
Usakowska-Wolff. Alle
Rechte vorbehalten.

Nocturne
im Mai
Für
Horst Samson
Wein
hemmt im Morgengrauen
hochprozentige Worte
druckreif bis zum
ersten Tau
Staub strömt
rau in den Raum
Keine blauen Buben
trüben die Pforte
zur Nacht
der langen Zungen
Allein
die bangen Namen
der einsamen Damen
geistern taub im Traum
bis halb acht
Strausberg/Bad
Oeynhausen, 26.05.03
Text
und Foto ©
Urszula
Usakowska-Wolff

Nussgenuss
Für
Ingmar Brantsch
Eine
Eiskarte:
Zarte Verführung
im sonnigen Raum.
Die Zunge tastet sich vor
zu sahniger Berührung
mit dem schmelzenden Traum.
Am Ohr
rauscht der Bahnhof vorbei
und rastet am Gleis.
Die Zeit rast en passant davon
unweit vom Zoo im Mai
spricht der Krokant ins Mikrophon:
Der Becher bricht jedes Eis.
Der Zug kennt kein Pardon.
Berlin,
am 26.05.03

Text
und Grafik ©
Urszula
Usakowska-Wolff


