Getrost und freudig durch ein ganzes Jahrhundert

Käte Walter (*1886 - 1985)

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Käte Walter als junge Frau. Fot. Heimatverein Bergkirchen
Käte Walter um 1980. Fot. Heimatverein Bergkirchen
Käte Walter als junge Frau
Käte Walter um 1980

Die Photos, die den stabilen, altmodischen und schnörkellosen Schreibtisch zieren, zeigen eine Frau, deren edle Gesichtszüge von der Zeit weitgehend verschont geblieben sind: dieselbe Geradlinigkeit, Zuversicht und Milde spiegeln die braunen Augen des jungen Mädchens, der reifen Dame und der gepflegten Greisin wider; sie blicken den Betrachter ernst und sicher aber verständnisvoll an.

Urszula Usakowska-Wolff

Ein sanftes ruhiges Lächeln streift, kaum wahrnehmbar, ihren Mund, um den sich, auch im vorgerückten Alter, nur wenige Falten legen. Ein weicher Kragen umrandet immer ihren Hals, was sie aber nicht steif erscheinen läßt. Es sind Bilder einer ruhigen, bescheidenen Frau, deren Leben und Glauben zu einer unzertrennlichen Einheit verschmolzen, denn:

Nur das ist des Lebens Sinn auf Erden,
etwas zum Lobe Gottes zu werden
und mit dem Licht aus ewigen Quellen
anderen den dunklen Weg zu erhellen.

Der Herr hat der Verfasserin dieser Verse ein langes Leben beschert, das fast ein ganzes Jahrhundert dauerte. Die von tiefer Religiosität durchdrungenen Strophen, Lieder und Erzählungen der Wahlbergkirchener Dichterin Käte Walter, sind heute noch lebendig und spenden ihren Lesern Trost weit über die Grenzen des Wiehengebirges hinaus "Wenn ich etwas von meinem Leben sagen soll", schrieb sie im Vorwort eines ihrer zahlreichen Lyrikbände, "so kann ich es nur mit tiefem Dank gegen den tun, der mich so gnädig geführt hat. Gottes Güte und gnädige Bewahrung ziehen sich wie leuchtende Fäden durch mein ganzes Leben hindurch. Es begann am 29. Mai 1886 in dem Landpfarrhaus des kleinen mecklenburgischen Dorfes Qualitz bei Bützow. Nach fünf Jahren goldener Freiheit zogen meine Eltern nach Hannover, wo mein Vater 15 Jahre als Pastor wirkte".

Das sensible junge Mädchen konnte sich in der Großstadt nicht zurechtfinden, ihre Sehnsucht nach der mecklenburgischen Heimat schrieb sie sich von der Seele, nachdem sie ihre dichterische Ader entdeckte. In Hannover besuchte sie die höhere Töchterschule und träumte davon, Lehrerin zu werden. Dort erlebte sie auch ihre erste große Enttäuschung: wegen einer Krankheit in der Familie mußte sie den Schulbesuch abbrechen und ihre beruflichen Pläne aufgeben: "Die ganze Jugendzeit war überhaupt sehr stark überschattet von viel Leid im Geschwisterkreis. Dadurch wurde ich immer wieder ans Haus gefesselt. Daran scheiterte später auch manch anderer Plan".

1907 kehrten die Walters nach Mecklenburg zurück, wo ihr Vater die Pfarrstelle in Lübsee bei Grieben, unweit von Lübeck, innehatte, und sie kam "in die geliebte Heimat zurück, in der unsere Vorfahren seit Generationen Gottes Wort verkünden durften". Von 1912 bis 1913 war sie "nach Jahren einsamen Landlebens" Gesellschafterin einer alten gehbehinderten Dame in Hamburg. Von 1915 arbeitete sie als Gesellschaftsdame und Privatsekretärin der blinden Gräfin Behr-Negendank in Semlow/Neuvorpommern. Von dem Ersten Weltkrieg, der ein Jahr zuvor ausgebrochen ist, bekam Käte Walter auf dem Gut der Adligen kaum etwas zu spüren.

1916 erschien in einem Rostocker Verlag ihr erstes Gedichtbändchen: "In der Tiefe hör' ich Quellen rauschen", dem fünf Jahre später "Aus dem Garten der Seele", im Verlag der Anstalt Bethel veröffentlicht, folgte. Nach dem Tod der Gräfin, im Jahre 1919, besuchte Käte Walter eine Frauenschule in Teltow bei Berlin und ließ sich nebenbei in der Jugend- und Krankenpflege, im Burckhardhaus und im Elisabethkrankenhaus in Berlin ausbilden. Das Jahr 1923 schloß sie mit einem Staatsexamen ab und arbeitete danach kurze Zeit als Krankenschwester. "Leider konnte ich die erlernten Berufe aus gesundheitlichen Gründen praktisch nicht auswerten. Doch, wenn der Herr eine Tür schließt, öffnet er eine andere. Ich konnte als Sekretärin im Büro meines Bruders in Bremen arbeiten, pflegte dort später meine alte Mutter bis zu ihrem Tode - mein Vater war bereits 1928 in Mecklenburg gestorben - und führte danach meinem unverheirateten Bruder in Gütersloh den Haushalt, bis der Krieg uns 1941 trennte".

1942 wurde Käte Walter wieder Haushälterin in einer adligen Familie, bei der Gräfin Dürckheim in Steckby bei Zerbst in Anhalt. Dort schrieb sie auch ihr drittes Buch "Es wird nicht immer dunkel bleiben", ein Trostbändchen, das an viele Soldaten mit der Feldpost verschickt wurde. Auf die Frage der Reporterin Barbara Eligmann, wie sie das Hitlerregime gesehen habe, antwortete Käte Walter: "Ich bin politisch interessiert und habe mich immer von meinem christlichen Glauben leiten lassen" 1945 flüchtete die Dichterin nur mit einem Rucksack über die Grenze in die amerikanische Besatzungszone und fand, zusammen mit ihrem Bruder Rudolf eine neue Heimat in Rehme, wo ihre Schwester mit dem dortigen Pfarrer Hoppe verheiratet war. Bis zu ihrem dreiundsiebzigsten Lebensjahr lebte Käte Walter im Rehmer Pfarrhaus, schrieb Lyrik und Prosatexte, an denen sich ihre Leser zu jeder Jahreszeit erfreuten, die ihnen in jeder Lebenslage Trost spendeten und ihren Glauben stärkten, wie die folgende Strophe:

Was Menschenhände auch vollbracht,
ist Einer, der darüber wacht
mit Sonnenschein und Regen.
Was ist der Menschen Fleiß und Müh
an jedem Tag, ob spät, ob früh,
ohn unsres Gottes Segen?

1959 zog Käte Walter zusammen mit ihrem Bruder Rudolf, der mit stimmungsvollen Landschaftsaufnahmen ihre Gedichte untermalte, nach Bergkirchen um, wo sie im Pfarrhaus ein Viertel ihre Lebens verbrachte. Die sanfte hügelige Landschaft, der vertraute Glockenklang, der ihren Alltag begleitete, der sommerfrische Anblick des Kirschbaums, dessen Zweige sich unter der Blütenpracht bogen und an ihrem Fenster wippten, bewirkten, daß sich die schöpferische Kraft der Dichterin dort voll entfalten konnte. An ihrem geräumigen Schreibtisch verfaßte sie hunderte von Gedichten, aus denen die tiefe Inbrunst ihres Glaubens strömte; ihre einprägsamen Zeilen schmückten Tausende von Karten mit idyllischen Berg- und Wiesenlandschaften , die bis heute gedruckt werden, und das Herz der Gläubigen mit großer Zuversicht füllen, denn "wie immer unser Weg sich mag gestalten: Wir wandern, Herr, in deiner Gnade Licht und wissen uns getragen und gehalten!" Die betagte Autorin kam auch regelmäßig in der Schriftenreihe "Besinnung" des Schriftenmissions-Verlags in Gladbeck zu Wort und verkündete in den Feiertags-, Geburtstags-, Kranken- und Besuchsheften die "unergründlich große Liebe Gottes. Laßt uns niemals an dieser Liebe zweifeln, auch wenn wir einmal dunkle, unverstandene Wege geführt werden. (...) Er hat es Seinen einzigen Sohn kosten lassen, damit wir leben können in Ewigkeit. Sollte der etwas anderes mit uns in Sinne haben als Gedanken der Liebe und des Friedens?" . Aber ihre Arbeit erschöpfte sich nicht im Schriftststellerischen, sie übernahm eine Patenschaft über ein Kind in Indien, war eine gefragte Referentin bei evangelischen Gemeindeabenden, in Frauenkreisen und Bibelstunden in der ganzen Bundesrepublik, so daß sie bis zu 27 Vorträge im Jahr hielt, und "diese Termine bis an den Rand ihrer Kräfte wahrnahm". Im Bergkirchener Gotteshaus las sie auch regelmäßig das Evangelium, und der Evangeliums-Rundfunk sendete ihre Gedichte und Geburtstagsandachten. Aber auch sonst war sie immer bereit, ihren Nächsten mit Rat und Tat beizustehen, und viele kamen in das Pfarrhaus, um im erbaulichen Gespräch mit der alten Dame ihre Sorgen und Nöte zu lindern. Und sie bekam auch unzählige Briefe, die sie bis zuletzt alleine beantwortete.

Mitte 1984 zog Käte Walter, nach fast einem Vierteljahrhundert in Bergkirchen, in das Eduard-Kuhlo - Heim in Gohfeld um, "wo ich auch wieder ein schönes Zuhause gefunden habe, Ich bin voller Dank für des Herrn freudige Fügung, daß ich noch weiterhin tätig sein und dem Ruf zu Vorträger in die Nähe und Ferne Folge leisten kann - bis der Herr mich nach Hause ruft". Ihre letzte große Urlaubsreise führte sie in den Schwarzwald, von wo sie am 8. Juli 1984 schrieb: "Wir waren schon am Titisee und am Feldberg. Allerdings am Feldberg-Gipfel war ich nicht mit. Ich wartete 1 Stunde im Auto und überdachte meine Andacht, die ich jeden Abend um 9 halten muß. Gestern fuhren wir schon um 7 ¼ Uhr nach Colmar, wo wir den berühmten Isenheimer Altar und andere Sehenswürdigkeiten aufsuchten. Zurück ging es über die Vogesen-Hochstraße. Um 19 ¼ wieder in Präg, also 12 Stunden unterwegs!" Die gerade und deutliche Handschrift läßt nicht ahnen, daß diese Zeilen eine 98-jährige zu Papier gebracht hat.

Dem Ruf des Herrn folgte Käthe Walter in ihrem hundertsten Lebensjahr: sie starb an den Folgen eines Herzinfarkts am 3. September 1985 und wurde vier Tage später auf dem alten Friedhof ihrer Wahlheimat Bergkirchen bestattet. Anstelle von Kränzen und Blumen wurde, auf Wunsch der Verstorbenen, eine Spende für die "Hungernden in Äthiopien" erbeten. Und so blieb sich Käte Walter auch nach dem Tod treu: denn aus der Liebe zum Herrn, den sie zeit ihres Lebens in bester evangelischer Kirchenliedtradition pries, leitete sie vor allem die Pflicht zur Nächstenliebe ab. Sie ging getrost und freudig durch die Jahre, und war immer bereit, auf ihre persönlichen Pläne und Träume zu verzichten, wenn das dem Wohlergehen ihrer Mitmenschen diente. Ihre Aufgabe sah Käte Walter vor allem darin, sich selbst und andere daran zu erinnern, was sie im Gedicht "Auf dem Lebensweg" am besten zum Ausdruck brachte:

Deine Seele hat Flügel, vergiß es nicht!
Sie kann nur leben und atmen im Licht.
Laß sie dem Alltag nicht fallen zum Raub,
laß sie nicht darben in Nesseln und Staub!
Lehre sie frühe, von lichten Höhn
das Kleine und Große im Leben zu sehn!
Gönn Feiertagsstille ihr dann und wann,
daß sie ihre Schwingen erproben kann,
daß sie dich aufwärts tragen zum Licht.
Deine Seele hat Flügel - vergiß es nicht!

© Urszula Usakowska-Wolff

Ein Beitrag aus dem Buch "Oft im Schatten, selten im Licht. Lebensbilder Bad Oenyhausener Frauen". 2. Auflage.Verlag Kurt Eilbracht. 2000. ISBN 3-9805205-4-4


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