Wisława Szymborska
Wislawa Szymborska. Fot: Maria Söderberg

Ich bin wer ich bin.
Unbegreiflicher Zufall
wie jeder Zufall.

(Zitat aus dem Gedicht "Im Überfluss")

Das unscheinbare Leben und seine hundert Freuden

Der Vater von Wisława Szymborska lebte seit den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts in der Stadt Zakopane in der Hohen Tatra. Diese Stadt sowie ihre Umgebung waren größtenteils Eigentum des Grafen Władysław Zamoyski. Seit 1904 setzte er Wincenty Szymborski als Verwalter seiner Güter in Zakopane ein. Während des Ersten Weltkriegs lernte Wincenty Szymborski die aus Szaflary in Podhale, dem Tatravorland stammende Anna Rottermund kennen. Der 47 jährige Szymborski heiratete Anfang 1917 die zwanzig Jahre jüngere Anna und am 24. Dezember 1917 wurde ihre erste Tochter Nawoja geboren. Fünf Jahre später zog die Familie Szymborski nach Großpolen um, um im Auftrag des Grafen Zamoyski dessen Schloss Kórnik und die umliegenden Ländereien zu verwalten. Sie ließen sich in der Kleinstadt Bnin bei Kórnik nieder, wo am 2. Juli 1923 Wisława das Licht der Welt erblickte.

Urszula Usakowska-Wolff

1926 ging Wincenty Szymborski in Pension und zog mit seiner Familie nach Thorn um. Seit 1929 lebten sie in Krakau, wo der Vater ein Haus gekauft hatte. In diesem Haus in der Radziwiłłowska-Straße 29 lebt die ältere, aus dem Gedicht "Lob der Schwester" bekannte Schwester von Wisława bis heute. Seit 1930 besuchte Wislawa die Grundschule an der Podwale-Straße 6, seit September 1935 das private Mädchengymnasium der Ursulinerinnen in der Starowiślna-Straße in Krakau. Dort wurden die Mädchen u.a. in Kunstgeschichte, Gesang, Latein, Polnisch und Französisch unterrichtet. Am 9. September 1936 starb Wincenty Szymborski an Herzversagen, seine Frau starb 1960. Während des Zweiten Weltkriegs nahm Wisława Szymborska am Geheimunterricht der Ursulinerinnen teil und machte im Frühjahr 1941 ihr Abitur. Nach dem Kriegsende begann sie, an der Jagielloner-Universität Polonistik zu studieren, nahm dann ein Soziologiestudium auf, das sie 1948 abbrach. Im April 1948 heiratete sie Adam Włodek (geb. am 8. August 1922), den Chefredakteur der Wochenendbeilage "Walka" (Kampf) der Tageszeitung "Dziennik Polski". Von Adam Włodek ließ sie sich 1954 scheiden, blieb ihm aber bis zu seinem Tod am 19. Januar 1986 freundschaftlich verbunden. Seit 1967 lebte sie mit dem Schriftsteller Kornel Filipowicz, der am 28. Februar 1990 im Alter von 77 Jahren starb, in getrennten Wohnungen zusammen. Der Lyriker und Schriftsteller Kornel Filipowicz ("Der Kater im nassen Gras") war mit der 1958 im Alter von 50 Jahren verstorbenen Künstlerin Maria Jarema verheiratet. Wisława und Kornel kannten sich schon seit dem Ende der 1950er Jahre und waren sich nicht abgeneigt, doch die Tatsache, dass die Lyrikerin Parteimitglied war, hielt den Schriftsteller davon ab, diese Bekanntschaft zu vertiefen. Obwohl seine verstorbene Frau eine überzeugte Kommunistin war, zerriss sie ihren Parteiausweis öffentlich, nachdem sie die von Nikita Chruschtschew beim XX. Parteitag der KPdSU gehaltene Rede gehört hatte. Erst als Szymborska 1966 aus der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei austrat, wurden sie und Filipowicz ein Paar. Sie ist bis heute mit Aleksander Filipowicz, dem Sohn von Maria Jarema und Kornel Filipowicz, befreundet.

Verlockende Suche nach dem richtigen Wort

Als Lyrikerin trat Wisława Szymborska am 14. März 1945 in Erscheinung, als sie ihr erstes Gedicht "Ich suche das Wort" in der Zeitung "Dziennik Polski" veröffentlichte: Ich suche das Wort, um die Mauer der Richtstätte und das Grab des Hingerichteten zu beschreiben. Ende der vierziger Jahre wollte sie ihre Gedichte in einem Buch herausbringen, die Publikation wurde jedoch wegen des mangelnden Gespürs für die neue "sozrealistische" Zeit abgelehnt. Dieses Gespür scheint sie umgehend entwickelt zu haben, denn ihr erster Gedichtband "Deshalb leben wir" kam 1952 heraus und die Titel der Gedichte: "Der Kuss des unbekannten Soldaten", "Lenin", "An eine amerikanische Mutter", "Wir heißen den Bau einer sozialistischen Stadt willkommen", "Unser Arbeiter spricht über die Imperialisten" erfordern keinen Kommentar. Aufgrund dieses Bandes wurde Szymborska in den Polnischen Schriftstellerverband aufgenommen, sie trat auch der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei bei. Ihr zweiter Gedichtband "Fragen, die ich mir stelle" erschien 1954. Dort wurde u.a. auch das Gedicht "Stalin" veröffentlicht, in dem sie des ein Jahr zuvor verstorbenen sowjetischen Staats- und Parteiführers gedachte:

Das ist die Partei - der Menschheit Augenlicht.
Das ist die Partei - Stärke und Gewissen der Menschheit
Nichts aus Seinem Leben gerät in Vergessenheit.
Seine Partei zerstreut die Dunkelheit.

Zu ihrer Parteivergangenheit äußerte sie sich öffentlich erst 1991: Die Wirklichkeit zeigt sich manchmal von einer so chaotischen und erschreckend unbegreiflicher Seite, dass man versucht, darin eine dauerhaftere Ordnung zu finden, eine Einteilung vorzunehmen bezüglich dessen, was wichtig und unwichtig, antiquiert und neu, hinderlich und hilfreich ist. Das ist eine gefährliche Verlockung, denn oftmals schiebt sich dann zwischen die Welt und den Fortschritt eine Theorie, eine Ideologie ein, die verspricht, alles zu ordnen und zu erklären. (...) Ich konnte dieser Verlockung leider nicht widerstehen, wovon meine ersten zwei Gedichtbände zeugen. Sie gehörte nämlich einer Generation an, die glaubte. Ich glaubte auch. Ich erfüllte meine gereimte Aufgabe mit der Überzeugung, dass ich richtig handle. Das war die schlimmste Erfahrung in meinem Leben.

Preisgekrönte Tochter des Hoffnarren und ihre Lieblingsautoren

Seit 1947 arbeitete Wisława Szymborska freiberuflich in verschiedenen Krakauer Zeitungen, von 1953 bis 1981 war sie bei der Krakauer Wochenzeitschrift "Życie Literackie" fest angestellt, wo sie u.a. die Rubrik "Poesie" leitete. Dort hatte sie auch ihre eigene Kolumne, wo sie unter dem Titel "Lektury ponadobowiazkowe", was ungefähr "Wahllektüre" bedeutet, Buchrezensionen veröffentlichte. Seit 1993 führt sie diese Kolumne in der Warschauer "Gazeta Wyborcza", der größten polnischen Tageszeitung, fort.
Nach der Verhängung des Kriegsrechts kündigte sie bei "Życie Literackie", beteiligte sich an der Arbeit der illegalen "Fliegenden Universität" und schrieb, wie sich später herausstellte, Beiträge für die Pariser Monatsschrift "Kultura" unter dem bezeichnenden Pseudonym "Stańczykówna" (also eine Tochter von Stańczyk, des in den Jahren 1480 -1560 lebenden Hofnarren der Könige Sigismund I. und Sigismund II. August, der wegen seine scharfen Zunge verehrt und gefürchtet war). Von 1981 -1983 arbeitete sie mit der Krakauer Zeitschrift "Pismo" zusammen.

1954 bekam Wisława Szymborska den Krakauer Kulturpreis, 1957 war sie Stipendiatin des polnischen Ministeriums für Kultur und Kunst in Paris.1963 bekam sie den Preis dieses Ministeriums. 1991 nahm sie in Frankfurt am Main den Goethe-Preis, 1995 in Wien den Herder-Preis entgegen. 1995 wurde sie in die Reihen der Polnischen Akademie der Künste aufgenommen und erhielt auch den Ehrendoktortitel der Adam-Mickiewicz-Universität in Posen. 1996 wurde sie mit dem Preis des Polnischen Pen-Clubs und dem Literaturnobelpreis bedacht, und zwei Jahre später zur Ehrenbürgerin von Krakau ernannt.

 
Wislawa Szymborska
 

Zu den Lieblingsautoren Wisława Szymborskas gehören: Michel de Montaigne, Jonathan Swift, Mark Twain und vor allem Thomas Mann, dem sie auch ein Gedicht widmete. Sie liebt ferner Filme von Federico Fellini und Horrorfilme, Ella Fitzgerald, Katzen, Hunde und überhaupt die Natur, in der sie zusammen mit Kornel Filipowicz viele Stunden unter einem Zelt, in einem Kajak auf einem masurischen See, beim Angeln in einem Gebirgsfluss oder beim Pilzesammeln verbrachte. Was man sonst von Wisława Szymborska weiß und es auf allen ihren Fotos sehen kann: dass sie starke Raucherin ist. Nachdem sie erfuhr, dass sie mit dem Literaturnobelpreis geehrt wird, schrieb sie an einen Freund: Als auf mich der Nobelpreis fiel, begriff ich, dass die Werke meiner illustren Vorgänger wie Thomas Mann oder Hermann Hesse ebenfalls im Zigarettenqualm entstanden. Ich bezweifle, dass der Antinikotinkaugummi der Literatur genauso gut tun wird.

Hundert Freuden in zweihundert Gedichten

In Polen veröffentlichte Wisława Szymborska bisher neun Gedichtbände mit knapp 200 Gedichten ("Deshalb leben wir", 1952; "Fragen, die ich mir stelle", 1954; "Rufe an Yeti", 1957; "Salz", 1962; "Hundert Freuden", 1967; "Alle Fälle", 1972; "Die große Zahl", 1976; "Menschen auf der Brücke", 1986; "Ende und Anfang", 1993), sowie zwölf Anthologien ihrer Lyrik, darunter 1989 eine polnisch-englische Ausgabe unter dem Titel "Poezje - Poems", und 1997 eine polnisch-deutsche Ausgabe "Wiersze - Sto Pociech. Gedichte - Hundert Freuden" in der Übersetzung von Karl Dedecius. Beide zweisprachigen Gedichtbände erschienen im renommierten "Wydawnictwo Literackie", dem Krakauer Literaturverlag. In den Jahren 1973, 1981 und 1982 erschienen drei Bände mit ihren "Wahllektüren." Sie machte sich auch als Übersetzerin französischer Lyrik - 1957 von Musset und 1970 von Baudelaire - bemerkbar.

Wislawa Szymborska. Foto: MSZ

In Deutschland wurde Wisława Szymborska vor allem dank Karl Dedecius bekannt, der seit 1957 ihre Gedichte übersetzt. Seit Anfang der 1970er Jahre erschienen im Suhrkamp-Verlag folgende von ihm übertragenen und herausgegebenen Bände: "Salz" (1973, zweite Auflage 1996); "Deshalb leben wir" (1980, dritte Auflage 1996), "Hundert Freuden" (1986, als Taschenbuch 1996), "Auf Wiedersehen. Bis Morgen" (zweite Auflage 1996) sowie "Gedichte" (1997). Im Verlag Volk & Welt in Berlin, damals noch Hauptstadt der DDR, erschien ferner 1979 eine Auswahl ihrer Gedichte "Vokabeln" in der Übersetzung von Jutta Janke.

Ausgemeißelt und anspruchslos

Wenn ich schreibe, habe ich immer das Gefühl, jemand steht hinter mir und schneidet Grimassen. Deshalb hüte ich mich, so gut ich kann, vor großen Worten, erläutert Szymborska ihr Poesie-Konzept. Auch die Königliche Schwedische Akademie würdigte in ihrer Literaturnobelpreis-Begründung Szymborskas humorvolle Feder: Ihre Zivilisationskritik äußere sich in stiller, aber gerade dadurch vernichtender Ironie. Ihre Poesie lässt mit ironischer Präzision den historischen und biologischen Zusammenhang in Fragmenten menschlicher Wirklichkeit hervortreten. Die Sprache der Lyrikerin bleibe dabei gleichermaßen ausgemeißelt und anspruchslos. Das bescheinigen auch polnische und deutsche Literaturkritiker, und Marcel Reich-Ranicki brachte es, wie gewohnt, auf den Punkt: Sie ist die namhafteste Dichterin ihres Landes, deren sehr durchdachte, ironische Lyrik etwas in Richtung der philosophischen Lyrik tendiert. Entscheidend ist jedoch die sprachliche Kraft ihrer Lyrik. Dass diese Lyrik auch beim Publikum ankommt, beweist eine Rezension, die ein Leser an amazon.de schickte: Die Gedichte von Wisława Szymborska haben mich dermaßen beeindruckt, dass ich sogar Polnisch lernen möchte, um sie im Originaltext lesen zu können. Sie sind in ihrer Treffsicherheit verblüffend, originell, komisch und zugleich traurig. Stundenlang bleiben sie einem im Gedächtnis ... man muss sie einfach gelesen haben.

Einzelne Fäden ohne große Reden

Descartes sagte: Ich denke, also bin ich. Auf Szymborska bezogen, könnte man drei Sätze formulieren: Ich zweifle, also bin ich. Ich staune, also bin ich und Ich weiß nicht, also bin ich. In Polen gehört Szymborska seit vier Jahrzehnten zu den beliebtesten, bekanntesten und meist gelesensten Lyrikerinnen. Die einzelnen Auflagen ihrer Gedichtbände erreichten nicht selten 20.000 Exemplare. Sie mied und meidet jedoch immer noch öffentliche Auftritte, gibt keine Interviews, äußert sich auch selten zu ihrer Arbeit. Im Vorwort zu ihren "Ausgewählten Gedichten", die 1967 erschienen, schrieb sie: Ich will mir kein Recht eingestehen, über eigene Gedichte zu schreiben. Je länger ich mich damit befasse, sie zusammenzufügen, desto weniger empfinde ich die Lust und das Bedürfnis, mein poetisches Credo zu formulieren. Immer mehr scheint mir das peinlich und ... voreilig zu sein. Ich würde mich wie ein Insekt fühlen, der aus unverständlichen Gründen sich selbst in eine Vitrine treibt und sich selbst auf eine Nadel aufspießt. Und als ihr 1991 der Goethe-Preis verliehen wurde, sagte sie: Aufgabe des Lyrikers ist es, aus diesem dichten und bunten Gewebe wenigstens einzelne Fäden herauszuzupfen.

 
 

Da sie nichts mehr verabscheut, als öffentliche Auftritte, pathetische Worte und lange Reden, fiel ihr Vortrag, den sie als Literaturpreisträgerin verpflichtet zu halten war, mit vier Schreibmaschinenseiten denkbar knapp aus. Wisława Szymborska, die vierte polnische Literaturnobelpreisträgerin nach Henryk Sienkiewicz (1905), Władysław Reymont (1924) und Czesław Miłosz (1980) und zugleich die erste Frau im Kreis der polnischen und die neunte Frau unter den bisherigen 97 Literaturnobelpreisträgern hielt am 10. Dezember 1996 vor der Königlichen Schwedischen Akademie in Stockholm ihre Rede "Der Dichter und die Welt", die sie mit folgenden Worten beendete: In der Sprache der Dichtung, wo jedes Wort ins Gewicht fällt, ist jedoch nichts einfach und normal. Kein Stein und keine Wolke über ihm. Kein Tag und keine ihm folgende Nacht. Und vor allem kein Sein von wem auch immer auf dieser Welt. Es sieht so aus, dass die Dichter stets viel zu tun haben werden.

Tekst © Urszula Usakowska-Wolff. Alle Rechte vorbehalten.

 

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